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Murnauer Moos: Vom Rohstofflager zum Musterprojekt

Das Murnauer Moos ist mit rund 4200 Hektar einer der bedeutendsten Moorkomplexe Deutschlands: Ein lebendiges Mosaik aus Groß- und  Kleinseggenriedern, kalkreichen Sümpfen und Altwassern, Feucht- und Streuwiesen aber auch vereinzelten Kalktrockenrasen. Die Krönung sind jedoch auf etwa einem Zehntel der Fläche intakte Hochmoore mit Mächtigkeiten bis 25 Meter.

Trotz Bergbau, Torfstich, Landwirtschaft und anderen Nutzungsansprüchen blieb das Murnauer Moos bis heute eine sehr naturnahe Kulturlandschaft. Das ist vor allem das Verdienst der Botanikerin Ingeborg Haeckel vom Bund Naturschutz. Jahrzehnte lang kämpfte sie an allen Fronten der Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit für die Moorlandschaft. Manchmal vergeblich, wie beim Bau der Autobahn, meist aber erfolgreich: Gestoppt wurde etwa der Abbau von Torf und Sandstein mitten im Moor sowie eine Müllverbrennungsanlage.

Auch eine Flurbereinigung samt weiterer Trockenlegung von Moorflächen konnte sie abwenden. Auf Haeckels Initiative gehen auch der Kauf wichtiger Grundstücke für den Naturschutz und die Ausweisung des Naturschutzgebietes Murnauer Moos zurück. Damit schuf sie – gemeinsam mit vielen Mitstreitern – die Basis für ein großzügig gefördertes Naturschutz-Großprojekt. Es bezieht benachbarte Gebiete wie die Loisach- und Staffelseemoore sowie das Ostermoos ein und versöhnt die Interessen von Fremdenverkehr, Landwirtschaft und Ökologie.

Das Köchelverhängnis – Tagebau im Murnauer Moos

Über 70 Jahre lang donnerten mitten im Murnauer Moos die Sprengungen: Das Hartsteinwerk Werdenfels förderte Glaukoquarzit, einen grünlichen, harten Sandstein, der vor allem als Schotter im Schienenbau verwendet wurde.

Er ist auch das Geheimnis der Köchel. Als „Härtlinge“ trotzten die bis zu 90 Meter hohen Bergrücken vielen Gletschervorstößen – gegen das Dynamit hatten sie keine Chance. Schon 1938 war der kleinere Moosberg geschleift, von ihm zeugt nur noch ein Restlochsee.

Ein weit größerer Steinbruch fraß sich seit 1930 in den Langen Köchel. Innerhalb von siebzig Jahren büßte der Berg etwa ein Drittel seiner Masse ein, insgesamt etwa 24 Millionen Tonnen. Das entspricht einem Würfel mit über 200 Meter Kantenlänge.
Die Belastungen durch den Bergbau waren massiv: Neben dem direkten Landschaftsverbrauch schädigten Schadstoffe, Staub und Lärm die empfindlichen Lebensgemeinschaften in der näheren Umgebung.

Weiter reichende, oft irreversible Folgen hatte die für den Tiefbau nötige Grundwasserabsenkung. Sie verändert Bodenchemie und Mikroklima, was für viele Moorspezialisten unter den Tieren und Pflanzen das Ende bedeutet.

Um ein Haar wäre auch der Lange Köchel komplett abgebaut worden. Doch kurz bevor der Steinbruch von Süden her den Gipfel erreichte, konnten die Naturschützer Ingeborg Haeckel und Max Dingler 1939 die Behörden davon überzeugen, wie wichtig das intakte Panorama nicht zuletzt für den Fremdenverkehr ist.

Gegen den folgenden Regierungserlass protestierte das Hartsteinwerk; es folgte ein Jahrzehnte langes juristisches Tauziehen, vor allem um Abbaurechte am Bärnsteig, der nordwestlichen Flanke. Selbst nach Errichtung des Naturschutzgebietes im Jahr 1980 war dessen Status umstritten.

Erst 1984 wurde der Bärnsteig zusammen mit anderen Randbereichen des Murnauer Mooses endgültig sichergestellt. Auch dagegen klagte das Hartsteinwerk jahrelang – erfolglos. Ein weiterer Abbau an der Südflanke erwies sich als unrentabel: 2000 stellte das Werk die Arbeit ein. Seit 1994 gilt der Lange Köchel aufgrund seltener geologischer Aufschlüsse auch als schützenswertes Geotop.
 

Mehr als Moor: Biotopkomplex Murnauer Moos

Der Wahl-Murnauer Wassily Kandinsky liebte den Kontrast der warmen Moortöne zum Dunstblau der Berge – genau wie viele Maler, die noch heute regelmäßig ins Murnauer Moos kommen. Das Farb- und Formenspiel mächtiger Bergsilhouetten und filigraner Vegetationsstrukturen ist ein Erlebnis für jeden Augenmenschen.

Doch auch über die weniger sichtbaren Fakten darf man staunen: Auf 4200 Hektar fügen sich Moore, Feuchtwiesen und besondere Waldgesellschaften zu einem einzigartigen Mosaik. Rund 1800 Tierarten und 1000 höhere Pflanzenarten kommen hier vor, darunter über 160 Rote-Liste-Arten wie Karlszepter, Buchsbaumsegge oder Braune Schnabelbinse. Stark bedrohte Vogelarten wie Braunkehlchen oder Wachtelkönig brüten noch im Moos.

Eine Besonderheit ist das enge Nebeneinander seltener Biotoptypen. Seine Entstehung verdankt das Murnauer Moos harten Gesteinen: Bei Murnau ragen parallel zur Alpenlinie die Grate der Faltenmolasse auf. Sie widerstanden den Gletschervorstößen und bildeten den Rand eines großen Beckens, das sich mit Geröll füllte und Wasser nur langsam abfließen lässt. Je nach Feuchte und Untergrund entstanden darin unterschiedliche Moortypen.

In flächig vom Grundwasser durchströmten Bereichen Niedermoore, in dauerhaft staunassen Zonen auch Hochmoore. Stellenweise ist das Grundwasser zusätzlich aufgestaut, etwa durch die aus der Tiefe aufragenden Köchel. Südlich der eiszeitlichen Rundhöcker quillt das Grundwasser förmlich aus dem Boden und bildet kleine Quellseen und -moore.

Für die Bauern bedeutete das Moor seit jeher viel Arbeit, wenig Ertrag. Sie beschränkten sich darauf, die weniger nassen Flächen einmal jährlich zu mähen und das magere Heu als Einstreu zu nutzen. Im Lauf der Jahrhunderte entstanden dadurch artenreiche Feuchtwiesen, die das ökologische Portfolio der Gegend eher bereicherten. Im 19. und 20. Jahrhundert griffen dann neue Techniken: Industrieller Torf- und Gesteinsabbau, Entwässerung und Melioration setzten dem Murnauer Moos stark zu.

Dank eines gut finanzierten und von der Bevölkerung getragenen Naturschutz-Großprojekts kann das Murnauer Moos heute als langfristig gesichert gelten. Rund die Hälfte der Fläche ist in Besitz von Naturschutzverbänden und der öffentlichen Hand.