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Sozial-ökologische Transformation – was ist das?

Ob Klimawandel, Artensterben oder Verschmutzung: Die meisten Umweltprobleme lassen sich auf unsere Wirtschafts- und Konsumweise zurückführen. Das politische Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft reicht zu ihrer Lösung nicht aus, daher fordert der BUND Naturschutz von der Politik eine sozial-ökologische Transformation. Dabei geht es nicht vorrangig um Verzicht oder die Ablehnung von technischem Fortschritt. Vielmehr ist das Ziel, durch eine neue, ressortübergreifende Ausrichtung eine Produktions- und Lebensweise zu fördern, die unsere natürlichen Ressourcen erhält, zugleich aber soziale Sicherheit und Wohlstand garantiert.

Auslöser Wirtschaft und Konsum

Das aktuelle politische Leitbild einer Sozialen Marktwirtschaft wird der Verantwortung für unsere natürlichen Ressourcen als Basis nicht gerecht. Dabei sind sie die Existenzgrundlage für ein gesundes, funktionierendes System.

Sozial-ökologische Transformation

Von ökologischer Steuerreform über Subventionsabbau bis zur Förderung von grünen Technologien: Die Politik muss ihren Fokus auf den Erhalt unserer Lebensgrundlagen richten, ohne dabei die Anliegen von Wirtschaft und Sozialem aus den Augen zu verlieren.

Was versteht der BN unter der Sozial-ökologischen Transformation?

Für den BUND Naturschutz (BN) ist die sozial-ökologische Transformation der grundlegende Umbau von Wirtschaft, Infrastruktur, Produktion und Konsum, damit Klima- und Biodiversitätskrise gemeinsam bewältigt werden können. Er muss jedoch zugleich so gestaltet sein, dass die Veränderungen sozial gerecht ausfallen und niemand abgehängt wird.


Tagung Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft im Gegenwind: Stärkung von Resilienz und Akzeptanz

10. Oktober 2026, 10 - 17.30 Uhr, Fürth

Der Ausgangspunkt ist die Diagnose, dass ein Wirtschaftssystem, das auf der Ausbeutung von Mensch und Natur beruht, nicht zukunftsfähig ist. Der BN fordert:

  • Gemeinwohl und Daseinsvorsorge sollen an die Stelle von Profitmaximierung und Privatisierung treten.
  • Regionale Wirtschaftskreisläufe und dezentrale Strukturen müssen bevorzugt werden anstatt die Hyperglobalisierung zu befeuern.
  • Eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien soll Klimaschäden vermeiden und wirtschaftliche Abhängigkeiten verringern.
  • Die Mobilitätswende muss für die Dekarbonisierung des Verkehrssystems sorgen und den Zugang zu Mobilität für alle erreichen.
  • Mit der Agrarwende sollen beispielsweise unsere Böden geschützt werden und eine gesunde, bezahlbare Ernährung für alle Menschen sichergestellt werden.
  • Ressourcen müssen für kommende Generationen erhalten und durch eine funktionierende Kreislaufwirtschaft geschützt werden.
  • Eine Finanzwende muss dafür sorgen, dass die Ungleichverteilung von Vermögen aufhört: Der Anreiz für Investitionen in nachhaltige Geschäftsmodelle muss wachsen, ausbeuterische und naturzerstörerische Aktivitäten müssen gebremst werden.

Eine solche Transformation ist für den BN ausdrücklich kein Ressortthema: Natur- und Klimaschutz sollen Grundpfeiler werden, eine Leitlinie für alle Politikbereiche und allen Wirtschaftens – deshalb müssen sie auch in sämtlichen Bereichen des Lebens und in allen Politikfeldern berücksichtigt werden. Der BN versteht Umweltpolitik als Zukunftswerkstatt für ein nachhaltiges Gesamtsystem und nicht als Reparaturbetrieb für tagesaktuelle Probleme.

Die CSU forderte 2016 in ihrem Grundsatzprogramm: “Wir wollen die Soziale Marktwirtschaft auch zu einer ökosozialen machen” – um später den Begriff nicht weiter zu erwähnen.

Bündnis90/Die Grünen formulieren in ihren Grundsatzprogrammen die Eckpunkte für eine “sozial-ökologische Marktwirtschaft”.

Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft e.V. (FÖS) hieß bis 2008 “Förderverein Ökologische Steuerreform e.V.”, verfolgt das Konzept aber bereits seit Anfang der 1990er-Jahre. 

2011 erschien das Buch “Ökosoziale Marktwirtschaft” [Link zur Tagung] als Anstoß für eine neue politische Denkrichtung. Neben dem heutigen BN-Ehrenvorsitzenden Prof. Dr. Hubert Weiger und Franz Josef Radermacher, der sich unter anderem für die Global Marshall Plan Initiative engagierte, war Josef Riegler einer der Autoren. Riegler ist Ehrenpräsident des Ökosozialen Forums Österreich und Europa und brachte das Konzept als Landwirtschaftsminister und späterer Vizekanzler 1989 als Leitlinie und Parteiprogramm der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) ein. Bereits im Vorwort des Buches weisen die Autoren darauf hin, dass es sich dabei “nicht um ein abgeschlossenes Konzept, ein Angebot an politisches Handeln, das nur auf den politischen Willen zur Realisierung zu warten hat” handelt.

Warum kümmert sich ein Naturschutzverband um Sozial-ökologische Transformation?

Die bisherigen Ansätze zur Lösung von Umwelt- und Klimaproblemen überzeugen viele Menschen – zumindest in der Theorie oder wenn sie isoliert betrachtet werden. Doch ihre praktische Umsetzung stößt regelmäßig auf Widerstände. Der BN hat zwar viele Erfolge erzielt, doch leider gelingt es manchmal nur das Schlimmste zu verhindern. Im Kern sind es fünf Argumente, die dafür sprechen, dass sich auch unser Naturschutzverband für die Sozial-ökologische Transformation – und damit für eine andere Politik und Wirtschaftsordnung – einsetzt:

1. Wirksamkeitslimit

Der klassische, projektorientierte Naturschutz hat die Grenzen seiner Wirksamkeit erreicht. Beispiel Bayerisches Umweltministerium: In den über 50 Jahren seines Bestehens gab es wichtige Errungenschaften für den Arten- und Umweltschutz, der Rückgang der Artenvielfalt oder die Klimakrise sind jedoch nicht gestoppt. Ein echter Krisenmanager braucht weitreichende Kompetenzen, sein Zuständigkeitsbereich darf nicht durch den Verweis auf andere Ressorts, in denen Unverbindlichkeit und ein Credo der Freiwilligkeit herrscht, oder angeblich fehlendes Geld ausgebremst werden.

2. Krisenkopplung

Verschiedene Umweltprobleme befeuern sich gegenseitig, etwa die Klimakrise und der Verlust von Biodiversität. Gegenmaßnahmen müssen daher auf das Zusammenspiel der Ursachen achten und entsprechend verzahnte Lösungen anbieten: Wirksamer Artenschutz etwa ist daher nicht ohne Klimapolitik zu erreichen, erfolgreiche Klimapolitik wiederum gelingt nur mit dem Umbau von Wirtschaft und Verkehr.

3. Systemursachen statt Symptome

Der BN führt die Umweltkrisen – wie auch zahlreiche soziale Probleme – auf Wirtschaftsstrukturen zurück: Die meisten globalen Finanz- oder Wirtschaftskrisen sind letztlich Folgen des Dogmas vom stetigen Wachstum oder der Hyperglobalisierung, deren Auswirkungen lokal spürbar werden. Wer Natur schützen will, kommt nicht umhin die Wirtschaftsordnung zu verändern.

4. Soziale Verträglichkeit als Gelingensbedingung

Ökologie und Soziales werden bei der geforderten Sozial-ökologischen Transformation ausdrücklich nicht gegeneinandergestellt. Der BN ist überzeugt, dass es nur mit einer sozialen Balance gelingen kann die noch größeren Herausforderungen etwa von Biodiversitäts- und Klimakrise zu meistern. Der Wandel der Arbeitswelt kann nur gelingen, wenn er sozial, gerecht und ökologisch gestaltet wird und die Menschen mitgenommen werden. Der Wechsel vom gegenwärtigen zu einem nachhaltigen Wirtschaftssystem ist anspruchsvoll und funktioniert nur, wenn er nicht zulasten der großen Mehrheit der Menschen geht, sondern von ihr mitgetragen wird.

5. Vorsorge zahlt sich aus

Politische Entscheidungen dürfen nicht an kurzfristigen Erfolgen gemessen werden, die Bewertung muss sich danach richten, inwieweit sie Weichenstellungen für eine ökologisch und auch sozial nachhaltige Zukunft sind: Jeder heute für den Natur- und Umweltschutz ausgegebene Euro zahlt sich künftig doppelt und dreifach aus, jeder hier “eingesparte” Euro verursacht wesentlich teurere Schäden. Das zeigen zahlreiche aktuelle Beispiele, etwa beim Hochwasserschutz und bei Dürren.


Der BN hat bei seiner praktischen Arbeit immer auch einen Blick auf das große Ganze.

Leitantrag der Delegiertenversammlung 2026


Sozial-ökologische Transformation ist nur gemeinsam zu erreichen

Der Umbau für eine sozial-ökologische Zukunft ist eine große Aufgabe, deshalb arbeitet der BN hier mit vielen anderen gesellschaftlichen Akteuren zusammen. Schnittmengen ergeben sich insbesondere mit Gewerkschaften wie der IG Metall Bayern und dem DGB Bayern sowie Sozial- und Wohlfahrtsverbänden wie der AWO oder dem VdK. Dabei sollen die Zusammenarbeit verstärkt, etwa regionale Dialoge für Zukunftsszenarien entwickelt und so Wege gefunden werden, ökologische und soziale Interessen nicht gegeneinander auszuspielen, sondern zusammen weiterzuentwickeln.

Mit dem damaligen Bündnis “WirTransformierenBayern” wurde 2023 der “Bayernplan für die soziale und gerechte Transformation” weiterentwickelt. Zu den Erstunterzeichnern gehörten 47 Organisationen und 14 Einzelpersonen aus dem Bereich EineWelt, Kirchen, Klima/Nachhaltigkeit, sozialer Gerechtigkeit sowie Wissenschaft und Wirtschaft.

Das Bündnis "Sozialverträgliche Mobilitätswende" aus Gewerkschaften und Verbänden wie dem BUND Naturschutz wiederum arbeitet gemeinsam an Lösungen für die Mobilität der Zukunft und formulierte zuletzt 2026 eine Reihe von konkreten Vorschlägen und Forderungen anlässlich der Kommunalwahl in Bayern (siehe Verbändepapier Mobilitätswende).

Gemeinsam mit Greenpeace hat der BN 2022 das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW) beauftragt, in einer umfangreichen Studie zu untersuchen, wie Bayern zukunftsfähig werden kann. Das Ergebnis, das dann gemeinsam mit der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) vorgestellt wurde, kann sich sehen lassen: Durch Umsteuerung hin zu mehr Klima- und Naturschutz in Bereichen von der Landwirtschaft bis hin zum Tourismus könnten in Bayern bis zu 340.000 zusätzliche Jobs geschaffen werden. Das wäre ein enormer ökologischer wie sozialer Erfolg.

Die Initiative "Wege zum besseren LEP" zielt darauf, die Ausrichtung des Landesentwicklungsprogramm Bayern (LEP) zu verbessern. In diesem Bündnis arbeitet der BN gemeinsam mit Wissenschaft, Forschung und Praxis von Stadt- und Landesplanung, von Architektur, aber auch mit der Katholischen Landjugendbewegung an sehr dichten Konzepten zu einer nachhaltigen Entwicklung Bayerns unter möglichst breiter, aktiver Beteiligung der Bevölkerung. 

Ebenso wird der Austausch mit Vertreter*innen der politischen Parteien gesucht, um Positionen zu vergleichen und weiterzuentwickeln, aber auch um sich über die Notwendigkeit von Investitionen in die Sozial-ökologische Transformation abzustimmen. Regelmäßig kritisiert der BN in diesem Zusammenhang jedoch die bayerische Landesregierung, die zwar einzelne positive Schritte unternimmt, jedoch weiterhin die Einbettung in eine zukunftsfähige Gesamtstrategie vermissen lässt: So werden weiterhin einzelne Errungenschaften durch andere, ungelöste Probleme – etwa den Flächenverbrauch oder die Agrarpolitik – konterkariert.