Naturwald in Bayern: die Urwälder von morgen

Bayern ist von Natur aus ein Waldland. Vor der massiven Landschaftsveränderung durch den Menschen war der allergrößte Teil des Freistaats von Lauburwäldern bedeckt. Heute brauchen wir dringend mehr geschützte Naturwälder, in denen sich die Waldnatur frei entfalten darf.
BN fordert fünf Prozent nutzungsfreie Naturwälder
Urwälder, also nie bewirtschaftete Wälder, gibt es heute im Freistaat nicht mehr. Auf etwa 97 Prozent der Waldfläche findet Forstwirtschaft statt. Deshalb braucht es großflächig geschützte Naturwälder, in denen sich die Waldnatur frei entwickeln kann. Der BN fordert fünf Prozent nutzungsfreie Naturwälder und hat hierfür gemeinsam mit Greenpeace ein Naturwald-Verbundsystem erarbeitet.
Für mehr Wissen, Klima- und Artenschutz
Der BN hat gemeinsam mit Greenpeace ein Netz von Naturwäldern vorgeschlagen, in denen sich wertvolle Wälder ohne weitere Holznutzung entwickeln sollen. Naturwälder dienen der Wissenschaft sowie dem Klima- und Artenschutz. So speichern alte Bäume viel Kohlenstoff und in Bayerns Naturwäldern finden allein 66 “Urwaldreliktarten” Zuflucht. Außerdem kann in Naturwäldern die natürliche Walddynamik erforscht werden.
Alte Laubwälder besonders wichtig
Laubbäume könnten eigentlich sehr alt werden. So erreichen Buchen natürlicherweise ein Alter von etwa 400 Jahren. Im bayerischen Wirtschaftswald werden sie aber kaum älter als 100 bis 120 Jahre. Dabei leben in und an alten, sterbenden oder toten Bäumen besonders viele Arten. In alten Buchenwäldern kommen bis zu 11.000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten vor.
Buchen fördern und schützen
Bayern wäre ursprünglich von großen Buchenwäldern bedeckt. Heute ist die Buche jedoch nur noch auf 12,4 Prozent der Waldfläche zu finden. Das entspricht 4,5 Prozent ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets. Deshalb ist es besonders wichtig, die verbliebenen alten Laubwälder in Bayern wirksam zu schützen, etwa durch einen Nationalpark im Steigerwald.
Die Größe zählt
Besonders für den Artenschutz ist der Schutz großer Naturwälder wichtig. Naturwälder entwickeln ihr volles Potenzial erst bei großflächigem Schutz.Derzeit sind in Bayern 4.550 Naturwälder nach dem Waldgesetz geschützt. Davon sind allerdings 76 Prozent kleiner als fünf Hektar, nur 50 Naturwälder sind größer als 50 Hektar.
Staatsregierung trickst
Statt neue Naturwälder auszuweisen, hat die Bayerische Staatsregierung bei der Berechnung getrickst. Sie hat100 Prozent aller Latschenfelder als Naturwald ausgewiesen, was unsinnig ist, weil Latschenfelder niemals bewirtschaftet wurden. Zieht man sie ab, beläuft sich die Fläche echter Naturwälder in Bayern auf derzeit unter 70.000 Hektar.
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Neue Naturwälder schaffen und verbinden
2016 hat der BN gemeinsam mit Greenpeace ein Netz von Naturwäldern verteilt über alle Regionen Bayerns vorgeschlagen, in denen sich wertvolle Wälder ohne weitere Holznutzung entwickeln sollen (Naturwald-Verbundsystem). Damit soll der große Mangel an Naturwäldern und alten Bäumen in Bayern behoben und die biologische Vielfalt in den Wäldern besser bewahrt werden.
Als zentrale Bausteine eines Naturwaldverbundes werden neue Großschutzgebiete über 2.000 Hektar im Spessart, Nordsteigerwald, Gramschatzer Wald, Hienheimer Forst und Ammergebirge vorgeschlagen, zur Vernetzung mittelgroße Gebiete in weiteren 27 Waldgebieten Bayerns und viele kleine Waldgebiete, insgesamt 88.000 Hektar.
Wichtig: Die Naturwälder sollen nur im öffentlichen Wald entstehen (Staatswald, Bundeswald, Körperschaftswald). Dort sollen zehn Prozent Naturwälder ausgewiesen werden, sodass im Durchschnitt fünf Prozent unserer Wälder geschützt sind. Privatwaldbesitzer*innen können ihre Wälder freiwillig als Naturwälder ausweisen und werden dafür entlohnt. Das freie Betretungsrecht soll in den vorgeschlagenen Naturwaldgebieten wie bisher gelten. Wie jetzt auch kann es zeitliche oder örtliche Ausnahmen geben, wenn es spezielle naturschutzfachliche Gründe dafür gibt, etwa den Schutz von Auerhühnern.
2007 hat sich die Bundesregierung verpflichtet, fünf Prozent der Wälder in Deutschland bis zum Jahr 2020 aus der forstlichen Nutzung zu nehmen. Das fand im Rahmen der nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt statt. Das Fünf-Prozent-Ziel ist also keine “Träumerei” der Naturschutzverbände. Erreicht wurde das Ziel jedoch bis heute nicht.
Naturwälder sind wichtig für die Artenvielfalt
Urwälder, also nie bewirtschaftete Wälder, gibt es heute in Bayern nicht mehr. Auf etwa 97 Prozent der Waldfläche findet Forstwirtschaft statt. Ein Blick in die wenigen verbliebenen europäischen Urwälder wie den Rothwald in Österreich, den Buchenurwald Uholka in Rumänien, den Białowieża-Urwald in Polen oder den Urwaldrest auf der Ostsee-Insel Vilm zeigt jedoch, wie einzigartig solche Wälder sind und wie stark sie sich von Wirtschaftswäldern unterscheiden.
Mit dem Verschwinden der Urwälder sind viele Arten, die auf Urwaldstrukturen angewiesen sind, hierzulande ausgestorben. Oder sie leben in Restpopulationen in unzugänglichen Wäldern im Gebirge oder in Ersatzhabitaten wie alten Parkbäumen (Eremit) oder Komposthaufen (Nashornkäfer). So sind 115 von den in Deutschland lebenden etwa 1.400 totholzbewohnenden Käferarten, sogenannte Urwaldreliktarten. In Bayern sind aktuell 66 davon bestätigt.

Viele Urwaldreliktarten leben nur noch in Naturwäldern: Ein Drittel der 66 in Bayern bestätigten Urwaldreliktarten wurde auch bei der Erfassung der Artenvielfalt in bayerischen Naturwaldreservaten nachgewiesen. Darunter befinden sich auch drei Arten, deren einzig bekannten Vorkommen in Deutschland oder Bayern liegen. Naturwälder sind also für den Schutz solcher Arten extrem wichtig. In den kultivierten Wäldern Mitteleuropas sind sie akut vom Aussterben bedroht oder bereits verschwunden, weil sie sowohl was Quantität als auch Qualität von vorhandenem Totholz angeht große Ansprüchen stellen.
Zu den Urwaldreliktarten gehört zum Beispiel der Alpenbock für dessen Erhalt Bayern eine große Verantwortung trägt. Stabile Vorkommen gibt es in den Naturwaldreservaten Friedergries und Kienberg.
Was zeichnet Naturwälder aus?

- Höhere Artenvielfalt
- Natürliche Baumartenzusammensetzung
- Mehr Kohlenstoffspeicherung
- Forschungsgegenstand für natürliche Waldentwicklung
- Mehr Totholz
- Bessere Klimaresilienz
- Mehr alte Bäume (Biotopbäume)
- Widerstandsfähiger gegen Schädlingsbefall
Wirtschaftswälder sind stark vom Menschen beeinflusste und veränderte Ökosysteme. Die Forstwirtschaft verändert die Wälder durch die Holzernte massiv.
- verkürzt sich die natürliche Lebensspanne der Bäume auf etwa ein Drittel,
- wird bei der Ernte der größte Teil der Holzbiomasse – Zug um Zug – entnommen (massiver Nährstoffentzug),
- wird das natürliche Dickenwachstum der Bäume auf etwa die Hälfte begrenzt,
- verändert sich die Baumartenverteilung gravierend,
- wird etwa zehn bis 20 Prozent der Waldböden verdichtet (geringere Wasserspeicherkapazität),
- werden die Wälder engmaschig von Schotterstraßen und Rückegassen durchschnitten (etwa alle 30 Meter).
Deutschland erreicht die selbstgesetzten Ziele zum Waldschutz nicht. Die Bundesregierung hat 2007 die Nationale Biodiversitätsstrategie verabschiedet, damit die von Deutschland mitbeschlossenen internationalen Vereinbarungen zum Schutz der Biodiversität hierzulande umgesetzt werden können. Ein zentrales Ziel für den Wald sieht vor, bis 2020 fünf Prozent des Gesamtwaldes beziehungsweise zehn Prozent des öffentlichen Waldes als Naturwald zu schützen. Der Freistaat Bayern verfehlt diese bundesweiten Vorgaben für Naturwälder deutlich. Lediglich im Staatswald ist das 10-Prozent-Naturwaldziel zahlenmäßig erfüllt, naturschutzfachlich und regional gibt es aber große Defizite und Lücken. Der Druck auf Bayern steigt, mehr Naturwälder auf fachlich-fundierter Grundlage zu schützen, weil nach der EU-Biodiversitätsstrategie mindestens zehn Prozent der Landfläche streng geschützt werden sollen.
Statt neue Naturwälder auszuweisen, trickst die Bayerische Staatsregierung bei der Berechnung. 2019/2020 hat sie eine Reihe von Naturwäldern ausgewiesen. Derzeit gibt die Staatsregierung die Fläche unbewirtschafteter Wälder (Naturwälder) mit über 83.000 Hektar an, was in etwa 3,3 Prozent der gesamten Waldfläche Bayerns (2,5 Mio. ha) und zehn Prozent des bayerischen Staatswaldes entspricht. Allerdings hat die Regierung in den letzten Jahren kurzerhand 100 Prozent aller Latschenfelder als Naturwald ausgewiesen, was den eigentlichen Sinn von Naturwäldern – nämlich die Herausnahme aus der Nutzung – konterkariert. Alpine Latschenfelder wurden niemals bewirtschaftet. Zieht man sie ab, beläuft sich die Fläche echter Naturwälder in Bayern auf derzeit unter 70.000 Hektar (Stand 2024).
Alte Buchenwälder sind wertvoll
Alte Buchen speichern besonders viel Kohlenstoff: In Bayern werden Buchen besonders früh gefällt, was sich nachteilig auf Artenvielfalt und Klimaschutz auswirkt. Wie die Bundeswaldinventur III belegt hat, dürfen die Buchen in Bayern im Vergleich zu allen anderen Bundesländern am wenigsten dick werden. Nur knapp zwei Prozent der Buchen sind hier mehr als 80 Zentimeter dick. Ein großer Nachteil für die Artenvielfalt und den Klimaschutz. So machen dicke Bäume in Urwäldern oder alten Sekundärwäldern, die nach Zerstörung des ursprünglichen Urwalds entstanden sind, zwar nur ein Prozent der Bäume aus. Sie repräsentieren dabei aber die Hälfte der gesamten lebenden oberirdischen Biomasse und speichern damit entsprechend viel Kohlenstoff.
11.000 Arten
von Tieren, Pflanzen und Pilzen leben in alten Buchenwäldern
Alte, sterbende oder tote Bäume (Totholz) beherbergen eine besonders große Artenvielfalt. An einem umgefalllenen Buchenriesen können beispielsweise Hunderte Käfer- und Pilzarten vorkommen und mit ihnen weitere Insekten, Spinnen, Moose und Flechten. Auch Arten wie Fledermaus und Specht sind auf dicke, alte Bäume angewiesen und deshalb in Bayern stark gefährdet. Insgesamt bringt es ein alter Buchenwald auf bis zu 11.000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten. Nicht umsonst sind fünf alte Buchenwälder in Deutschland seit 2011 als Weltnaturerbe geschützt. Leider liegt keiner davon in Bayern. Der Steigerwald hätte hier gute Chancen gehabt, doch die Staatsregierung verweigert ihm den notwendigen Schutz als Nationalpark.
Nationalpark: Schutz für alte Laubwälder
Ohne Nationalpark gibt es keinen Schutz für alte Laubwälder. Immer noch werden uralte Buchen im Staatswald gefällt – trotz erheblicher Proteste von BUND Naturschutz (BN) und Öffentlichkeit (Waldfrevel). Dabei hat Bayern eine besondere Verantwortung für den Schutz von Buchenwäldern. Der Freistaat liegt gemeinsam mit Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen genau im Zentrum des weltweiten Verbreitungsgebiets der Rotbuchenwälder.
Im Wirtschaftswald erreichen Bäume nur einen Bruchteil ihres möglichen Alters. Laubbäume können natürlicherweise sehr alt werden. Buchen etwa erreichen ein Alter von etwa 400 Jahren. Im bayerischen Wirtschaftswald fällt man sie jedoch bereits in ihrer „Jugend“. Sie werden dort kaum älter als 100 bis 120 Jahre.
85 %
Buchen- und Buchenmischwälder
ehemaliger Anteil an Waldfläche
12,4 %
Buche
Anteil an heutiger Waldfläche
4,5 %
Buche
des ursprünglichen Verbreitungsgebietes
Alte Laubwälder sind mittlerweile eine Rarität in Bayern und müssen sofort geschützt werden. Sie machen heute im bayerischen Staatswald nur noch vier Prozent der Gesamtfläche aus. Dabei bedeckten Buchen- und Buchenmischwälder einmal 85 % der Waldfläche Bayerns. Die Buche ist mittlerweile nur noch auf 15,3 Prozent der Waldfläche zu finden. Damit sind die Buchen auf einen kümmerlichen Rest von 4,5 Prozent ihres natürlichen Verbreitungsgebiets zurückgedrängt worden. Besonders wichtig ist es deshalb, die wenigen noch vorhandenen alten Laubwälder (über 140 Jahre) im Freistaat sofort zu schützen. Aus diesem Grund wirbt der BN auch seit Jahren für einen Nationalpark Steigerwald.
Lesen Sie mehr zu einem Nationalpark Steigerwald!
Großflächige Naturwälder sind wichtig
Es kann sinnvoll sein, kleine Laubwaldinseln im Nadelwald als Naturwaldinsel zu schützen. Dasselbe gilt für einzelne Uraltbäume, die als letzte ihrer Art nicht gefällt wurden und Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte überlebt haben.
Das dauerhafte Überleben anspruchsvoller Urwald- und Waldarten ist so allerdings nicht gewährleistet, weil die für den Erhalt erforderlichen Strukturen und Habitate bei Kleinstflächen nicht dauerhaft vorhanden sind und nicht gesichert werden können. Laubwaldinseln verschmelzen relativ schnell mit dem umgebenden Fichtenforst.
Für eine eigendynamische Naturwaldentwicklung sind die meisten Naturwälder in Bayern zu klein. Derzeit sind 4.550 Naturwälder nach dem Waldgesetz geschützt. Davon sind allerdings 76 Prozent kleiner als fünf Hektar, nur 50 Naturwälder sind größer als 50 Hektar.
Naturwälder entwickeln ihr volles Potenzial erst bei großflächigem Schutz. Dort, wo naturnahe Wälder noch vorhanden sind, müssen deshalb großflächige Naturwaldschutzgebiete eingerichtet werden – etwa ein Nationalpark im Steigerwald und ein Biosphärenreservat im Spessart.
Naturwald entspricht unserem Bild vom schönen Wald
Naturwälder sind im besten Fall das, was wir uns unter einem urigen Wald vorstellen. Dort ist stundenlanges Wandern auf natürlichen Waldböden möglich, ohne Forststraßen, ohne Maschinenwege im engen Abstand, ohne Maschinenlärm. Dort sehen wir:
- Baumriesen im Wechsel mit jungen Bäumen aller Altersstadien,
- moosbewachsene Baumstämme, Baumbärte und liegende Baumriesen, auf denen neues Leben keimt,
- ein ständiges Werden-und-Vergehen, bei dem junge Bäumchen oft Jahrzehnte im Schatten überdauern müssen, bis sie in einer Lücke hochwachsen können, wenn ein Altbaum von einem Sommersturm umgerissen wird,
- bunt gemischte Wälder, in denen aber – abhängig vom Standort – auch gelegentlich eine Baumart dominieren kann,
- ein vielfältiges, geheimnisvolles, doch einem natürlichen System folgendes „Durcheinander“.
Naturwälder dürfen sich – wie der Name schon sagt – so entwickeln, wie es ihrer Natur entspricht. Ohne Eingreifen des Menschen und in einem perfekten Kreislauf von Werden und Vergehen. Dadurch sind sie artenreicher und speichern mehr Kohlenstoff.






