Totholz – ein Quell der Artenvielfalt
Das sogenannte Totholz ist alles andere als tot, es gehört vielmehr zu unseren artenreichsten Lebensräumen. Mehr Totholz in den Wäldern ist deshalb der perfekte Artenschutz.
Totholz ist wichtig für den Artenschutz
Zum Totholz zählt man stehende und liegende Bäume oder Teile davon, die abgestorben sind. Totholz beheimatet unzählige Arten. So sind 1.400 der 5.000 in Deutschland vorkommenden Käferarten und 1.500 der über 5.000 in Deutschland lebenden höheren Pilzarten auf Totholz angewiesen. Etwa 95 Prozent der Biomasse der wirbellosen, auf Alt- und Totholz spezialisierten Tiere entfallen auf Käfer.
Totholz ist wichtiger Kohlenstoffspeicher
Totholz speichert Kohlenstoff über lange Zeit, denn der Holzabbau dauert Jahrzehnte. Pilze spielen in dieser Zersetzungsphase eine große Rolle. Ist das Holz völlig zersetzt, gibt es Kohlenstoff an den Waldboden ab, in dem mehr Kohlenstoff gespeichert ist als in der gesamten Biomasse der Wälder.
Zu wenig Totholz in unseren Wäldern
Totholz ist in unseren Wirtschaftswäldern viel zu selten: Während in Natur- und Urwäldern bis zu 389 Kubikmeter pro Hektar davon vorkommen, sind es in Bayern gerade einmal durchschnittlich 22 Kubikmeter. Unsere Wälder sind immer noch zu “aufgeräumt” und oft werden absterbende oder abgestorbene Bäume aus Unkenntnis entfernt.
Drei Arten von Totholz
Totholz kommt stehend, liegend und in Form von Baumstrünken oder Asthaufen vor. Stehendes Totholz ist besonders für Höhlenbrüter wie den Specht wichtig. Im liegenden Totholz finden beispielsweise verschieden Amphibien einen Unterschlupf. Außerdem keimen Sämlinge gerne auf liegendem Totholz. So haben sie mehr Schutz vor Bodenfrost, mehr Wasser und genügend Nährstoffe. In Asthaufen können Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Amphibien Unterschlupf finden.
Totholz ist nicht gleich Totholz
Der ökologische Wert von Totholz hängt von Dicke und Baumart ab. Dickes Totholz bietet bessere Lebensräume und mehr Nahrung. Zudem unterscheiden sich Baumarten stark: Der Abbau dauert von zehn bis 20 Jahren, etwa bei Pappel, bis hin zu 80 Jahren bei Eiche. Je langsamer Holz zerfällt, desto nachhaltiger bietet das entstehende Substrat gute Bedingungen für holzbewohnende (xylobionte) Organismen.
Holz zersetzt sich in drei Phasen
Am Boden liegendes Totholz durchläuft drei aufeinanderfolgende Stadien. Während der Besiedelungsphase erschließen Pionierinsekten das Holz. An der anschließenden Zersetzungsphase sind Pilze und Bakterien, aber auch weitere Insektenarten maßgeblich beteiligt. In der Humifizierungsphase wird das inzwischen sehr weiche Holz von bodenlebenden Organismen weiter zerkleinert. Schließlich zersetzen Pilze Lignin und Zellulose vollständig, sodass das Holz in den Boden übergeht.
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- document.getElementById('c237924').scrollIntoView({ behavior: 'smooth' }), 10);">5 Zu wenig Totholz in Wirtschaftswäldern
Totholz ist wichtig als Lebensraum
Totholz ist ein wichtiger Bestandteil des Ökosystems Wald, weil es unzähligen Arten als Lebensraum dient. In Urwäldern, alten Wäldern und geschützten Naturwäldern kommt Totholz häufig vor und trägt viel zu deren großem ökologischen Wert bei.
1.400
Käferarten
leben am Totholz
1.500
Pilzarten
leben am Totholz
Auf Totholz kommen besonders viele Käferarten vor. Sie machen 95 Prozent der Biomasse der auf Alt- und Totholz angewiesenen wirbellosen Tiere aus. In Deutschland sind dies etwa 1.400 der 5.000 vorkommenden Käferarten. Zu ihnen gehören die Bockkäfer, der Eremit sowie der Hirschkäfer.
Pilze spielen in der Zersetzungsphase des Holzes eine große Rolle. Etwa 1.500 der über 5.000 in Deutschland lebenden höheren Pilzarten sind auf Totholz angewiesen.
Der Holzabbau dauert Jahre bis Jahrzehnte. Die Dauer hängt von Baumart, Dicke eines Baumes, sowie Temperatur und Feuchtigkeit der Umgebung ab. Der Abbau teilt sich in drei Phasen auf, die Besiedelungs-, die Zersetzungs- und die Humifizierungsphase.
Im Wald müssen Waldbesitzer*innen grundsätzlich keine Vorkehrungen gegen „waldtypische Gefahren“ treffen, um Besucher*innen im Rahmen der Verkehrssicherung zu schützen. Innerhalb eines Waldbestandes bestehen keine Verkehrssicherungspflichten in Bezug auf Gefahren, die von Bäumen ausgehen: Totholz und herabhängende Äste müssen also nicht beseitigt werden. Nur entlang öffentlicher Straßen und bei Erholungseinrichtungen gelten gesteigerte Verkehrssicherungspflichten.
Generell waren und sind unsere Wälder immer noch zu „aufgeräumt“. Bäume werden gefällt, bevor sie alt und dick werden und im hohen Alter absterben. In vielen Wäldern werden – manchmal fast ausschließlich – absterbende und abgestorbene Bäume entnommen. Dies geschieht oft aus Unwissenheit um deren ökologischen Wert.
Herumliegendes dünneres Holz und Äste wurden lange als Brennholz genutzt oder aus Ordnungssinn aus dem Wald entfernt. Heute sind es Hackschnitzelheizungen, die auch Totholz einen wirtschaftlichen Wert verschaffen und so den Totholzmangel im Wald „befeuern“.
Viele Waldbesitzer*innen haben Sorge, durch Totholz würden sich „Schädlinge“ ausbreiten und dann andere, „gesunde“ Bäume befallen, was aber in den allermeisten Fällen nicht zutrifft. Eine Ausnahme stellen von den Borkenkäfern Buchdrucker und Kupferstecher frisch „befallene“ Fichten dar, die rechtzeitig entnommen werden sollten, bevor die neue Käfergeneration ausfliegt. Doch auch hier gilt: Ist der Baum abgestorben und die Rinde fällt bereits ab, so besteht keine Gefahr mehr, da die Borkenkäfer bereits ausgeflogen sind.
Habitatbäume sind lebende oder stehende tote Bäume, die Mikrohabitate (kleine Lebernsräume) für spezialisierte Arten anbieten, wie zum Beispiel Baumhöhlen mit Mulm für Käfer oder Risse im Holz für Fledermäuse. Habitatbäume sind auch als Biotopbäume bekannt. Für die Artenvielfalt in den Wäldern spielen sie eine sehr wichtige Rolle.
Wer braucht welches Totholz?
Totholz kommt in unterschiedlichen Formen im Wald vor, abgestorbene Bäume bilden das stehende oder liegende Totholz. Außerdem gibt es noch Baumstrünke oder Asthaufen. Stehendes Totholz spielt für Höhlenbrüter wie den Specht eine große Rolle. Manche Arten nutzen ausschließlich abgestorbene, stehende Bäume als Nistgelegenheit. Andere Arten, etwa bestimmte Fledermäuse, nutzen sie als Wohnort. Wieder andere sind als Nahrungsquelle oder Sitzwarte auf sie angewiesen.
Liegendes Totholz zersetzt sich nach und nach. In jedem Stadium zieht es bestimmte Arten an. Viele davon, etwa Pilze oder verschiedene Insekten (z. B. Wildbienen oder Ameisen), tragen weiter zum Zerfall des Holzes bei. Aber auch Wirbeltiere profitieren von liegendem Totholz: So nehmen zum Beispiel Eidechsen gerne ein Sonnenbad auf warmen, liegenden Baumstämmen, andere Reptilien oder Amphibien wie die Erdkröte finden darin Unterschlupf. Den Feuersalamander beispielsweise schützt das feuchtwarme Klima rund um das liegende Totholz vor dem Austrocknen. Vögel wie Amsel oder Zaunkönig finden im Wurzelwirrwarr einen willkommenen Brutplatz. Natürlich haben auch die holzbewohnenden Organismen Feinde, und so kommen in allen Zersetzungsphasen auch räuberische und parasitäre Arten vor, die sich an den holzbewohnenden Organismen gütlich tun.
Liegendes Totholz als Wiege für junge Bäumchen
Der Baumnachwuchs im Wald gedeiht oft auf liegendem Totholz oder Strünken, vor allem im Gebirge. Unter den oft harschen Wetterbedingungen müssen Sämlinge jeden Vorteil nutzen, der sich ihnen bietet. Keimen sie auf feuchtem, liegenden Totholz sind sie weniger von Bodenfrösten betroffen und trocknen im Sommer nicht so leicht aus. Außerdem bietet das sich zersetzende Holz eine optimale Nahrungsquelle. Daneben haben auch Asthaufen ihren Wert, indem sie Vögeln, Kleinsäugern, Reptilien und Amphibien Unterschlupfmöglichkeiten bieten.
Ökologischer Wert von Totholz unterschiedlich
Der ökologische Wert von Totholz hängt sowohl von seiner Dicke als auch von der Baumart ab. Grundsätzlich gilt, je dicker das Totholz, umso besser ist es als Lebensraum und Nahrungsquelle geeignet. Außerdem sind nicht alle Baumarten gleich wichtig für die Artenvielfalt. So bieten beispielsweise Bäume mit einer borkigen Rinde einer Vielzahl von Insektenarten einen Lebensraum. Auch der Abbauprozess unterscheidet sich von Baumart zu Baumart: zehn bis 20 Jahre bei Pappeln, Weiden und Birken, 30 bis 50 Jahre bei Buche und Kiefer und bis zu 80 Jahre bei Eichen.
Je langsamer sich das Holz zersetzt, desto nachhaltiger unterstützt das daraus entstehende Substrat die Entwicklung von Organismen, die auf Holz angewiesen sind (xylobiont). Auch die Art der Organismen unterscheidet sich: So sind bei den einheimischen Bäumen beispielsweise Eichen oder Weiden besonders wichtig für Insekten, während auf Buche und Fichte besonders viele Pilze nachgewiesen werden konnten.
Die drei Phasen der Holzzersetzung
Liegendes Holz zersetzt sich langsam und über Jahrzehnte hinweg. Man unterscheidet drei Phasen: In der Besiedelungsphase dringen sogenannte Pionierinsekten wie Borken- und Bockkäfer – etwa der Alpenbock – in den frisch abgestorbenen Holzkörper ein. Sie lösen Teile der Rinde, bohren und fressen Gänge in das Holz und erleichtern so weiteren am, in oder vom Holz lebenden Arten den Zugang ins Holzinnere, so auch Pilzen. Zudem locken die Pionierinsekten selbst weitere xylobionte Arten an, etwa die Spechte, die sich von ihnen ernähren. Dabei hämmern sie größere Löcher in das Totholz, was wiederum das Eindringen von Pilzsporen fördert. Der Holzabbau beschleunigt sich dadurch. Die Besiedelungsphase dauert etwa zwei Jahre.
Besiedelungsphase
In der Besiedlungsphase dringen Pionierinsekten wie Käfer in abgestorbene Bäume ein und erleichtern anderen den Zugang.
Zersetzungsphase
Die Zersetzungsphase wird von weiteren Insektenarten unter Beteiligung von Bakterien und Pilzen eingeleitet.
Humifizierungsphase
Die Humifizierungsphase bestimmen Bodenorganismen, von Würmern und Schnecken bis hin zu Pilzen – übrig bleibt Humus.
In der zehn bis 20 Jahre dauernden Zersetzungsphase spielen Pilze und Bakterien ebenso wie Insekten eine Rolle. Zweige und Äste fallen vom Stamm ab, die Rinde löst sich ebenfalls. Pilze und Bakterien fangen an, das Holz abzubauen. Die Pionierinsekten werden jetzt von anderen Insekten wie Feuerkäfern, Schrötern, Schwarzkäfern und Schnellkäfern abgelöst.
In der dritten und letzten Phase, der Humifizierungsphase, zerfällt das Holz langsam und geht in den Boden über. Im Boden lebende Organismen, wie Würmer, Schnecken, Asseln, Tausendfüßer und Fadenwürmer besiedeln jetzt mehr und mehr das inzwischen sehr weiche Totholz. Sie zerkleinern die Totholzpartikel weiter und erleichtern den Mikroorganismen so ihre Arbeit. Pilze bauen schließlich die Holzbestandteile Zellulose und Lignin völlig ab. Übrig bleibt Humus und damit neue Nahrung für den Wald mit all seinen verschiedenen Pflanzen.
Totholz speichert Kohlenstoff
Totholz spielt auch eine wichtige Rolle im Kohlenstoffkreislauf der Wälder. Es speichert erhebliche Mengen an Kohlenstoff über viele Jahre, teilweise Jahrzehnte, bis es zersetzt ist. Aus zersetztem Totholz wird Kohlenstoff in Waldböden eingelagert, die immens wichtige Kohlenstoffspeicher sind. So ist in den Böden deutscher Wälder mehr Kohlenstoff gespeichert als in der Biomasse der Wälder.
Zu wenig Totholz in Wirtschaftswäldern
Damit die zahlreichen an, im und vom Totholz lebenden Arten in einem Wald erhalten bleiben, muss Totholz über lange Zeiträume hinweg in ausreichend großen Mengen vorhanden sein – eine Situation, die in den europäischen Wirtschaftswäldern so nicht gegeben ist. Studien in verschiedenen Naturwäldern ergaben eine durchschnittliche Totholzmenge zwischen 15 (Buchen-Naturwald Limker Strang, Deutschland) und 389 Kubikmeter pro Hektar (Fichten-Tannen-Urwald Derborence, Schweiz). In Bayern wurden bei der Bundeswaldinventur IV (2022) im Durchschnitt gerade einmal 29,9 Kubikmeter pro Hektar festgestellt.
Totholz und Borkenkäfer haben auch im Nationapark Bayerischer Wald eine große Rolle gespielt. Lesen Sie mehr darüber!






