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Schwammspinner – Waldschutz ohne Gift

Wenn sie in warmen, trockenen Sommern auftreten und ganze Bäume kahlfressen, kann das Waldbesitzer*innen durchaus beunruhigen. Tatsächlich aber sind Massenvermehrungen von Schwammspinnern weit weniger gefährlich als sie zunächst aussehen. Und man kann ihnen vorbeugen – ganz ohne Gift!

Gifteinsätze unnötig und rechtlich unzulässig

Die bayerische Forstverwaltung setzte bei Massenvermehrungen des Schwammspinners bisher auf Pestizide. Im Jahr 2020 behandelte sie rund 3.000 Hektar Eichenwald per Hubschrauber mit Gift. Diese Maßnahmen waren aus forstwirtschaftlicher Sicht überflüssig und verstießen gegen geltendes Recht, da keine flächendeckende Gefährdung der Wälder bestand.

Gefährliche Giftdusche für Insekten und Vögel

Das verwendete Gift Mimic wirkt nicht nur bei Schwammspinner-Raupen. Es bedroht auch Schmetterlinge, Gliederfüßer, Wasserorganismen und Vögel. In einem begifteten Wald waren im überwiegenden Teil der Nistkästen die Jungen gestorben beziehungsweise die Eier leer. Wie Mimic auf Bienen wirkt, wurde nie untersucht. Besonders problematisch ist derflächenhafte Einsatz von Mimic in Eichenbeständen, weil hier die betroffene Artenvielfalt am höchsten ist.

Es geht auch ohne Gift

Artenreiche, vitale Wälder mit vielen Nützlingen sind besser vor Massenvermehrungen des Schwammspinners geschützt. Natürliche Feinde des Schwammspinners sind zum Beispiel Krankheitserreger wie Bakterien und Viren, Schmarotzer wie bestimmte Fliegen oder Wespen und Räuber wie Käfer, Ameisen, Vögel oder Kröten. Sie alle tragen dazu bei, dass Massenvermehrungen enden und Schwammspinnerbestände zusammenbrechen.

Schwammspinner: Bayerische Forstverwaltung setzt auf Insektizide

Der Schwammspinner (Lymantria dispar) ist ein unauffälliger, wärmeliebender Nachtfalter, der sich in warmen trockenen Sommern stark vermehren kann. Die bayerische Forstverwaltung setzte bei solchen Massenvermehrungen bisher auf Pestizide. Allein im Jahr 2020 ließ sie etwa 3.000 Hektar Eichenwald vom Hubschrauber aus begiften.

Verwendet wurde das Insektizid "Mimic", ein laut Datenblatt für Wasserorganismen sehr giftiges Präparat mit langfristiger Wirkung. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit warnt vor seiner hohen Toxizität gegenüber Nichtzielarten wie Schmetterlingen und Gliederfüßern. Darüber hinaus ist Mimic gesundheitsschädlich beim Verschlucken und kann beim Menschen Hautreizungen, allergische Hautreaktionen und schwere Augenschäden verursachen.

Schwammspinner überwintern und entwickeln sich an Bäumen: DieSchwammspinner-Weibchen legen im Sommer einige Hundert kleine, durch eine Eihülle geschützte Raupen in einem schwammartigen Nest an Baumstämmen ab. Von diesem schwammigen Gebilde stammt auch der Name des Falters. In diesem Nest überwintern die Raupen und schlüpfen im kommenden Frühling mit dem Blattaustrieb. Dann beginnen sie unmittelbar zu fressen – und wie! Eine Schwammspinner-Raupe kann während der sechs bis zwölf Wochen dauernden Entwicklungsphase gut und gerne einen Quadratmeter Laub verdrücken. Mithilfe der langen Schwebhaare am Körper lassen sich die kleinen Raupen kilometerweit mit dem Wind verfrachten.

Nach einer sechs bis zwölf Wochen dauernden Entwicklungsphase verpuppen sich die Raupen. Von Juli bis Ende September schlüpfen aus den Puppen wieder fertige Falter und der Zyklus beginnt von neuem.

Die Schwammspinner kommen an etwa 400 verschiedenen Wirtspflanzen vor. Dabei handelt es sich vor allem um Laubbäume, allen voran die Eiche. Aber auch Hainbuchen, Buchen, Edelkastanien und Obstbäume werden gerne befallen.

Ernsthafte Gesundheitsprobleme sind durch Schwammspinnerraupen nicht zu befürchten. Deren Haare können zwar bei empfindlichen Menschen Hautreizungen hervorrufen. Sie sind aber weit weniger aggressiv als jene des Goldafters oder des Pinienprozessionsspinners. 

Warum kritisiert der BN den Gifteinsatz gegen Schwammspinner?

Der flächige Gifteinsatz gegen die Raupen des Schwammspinners ist aus forstlicher Sicht unnötig, naturschutzfachlich untragbar und verstößt gegen geltendes Recht. Der BN appelliert deshalb an Waldbesitzer*innen und Kommunen einem flächigen Gifteinsatz in ihren Wäldern nicht zuzustimmen. Flächige Begiftungen von Beständen sind vor dem Hintergrund des erfolgreichen Volksbegehrens "Rettet die Bienen" nicht mehr zeitgemäß und der Bevölkerung nicht vermittelbar.

Das BN-Waldreferat hat Argumente erarbeitet, die betroffenen Kommunalpolitiker*innen und Waldbesitzer*innen eine Entscheidungshilfe an die Hand geben soll, wenn es darum geht, sich für oder gegen eine Begiftung zu entscheiden.

Waldbaulich unnötig

Durch einen Schwammspinner-Befall sterben nur einzelne Bäume. Natürlich ist es für Waldbesitzer*innen beängstigend, wenn Raupen beispielsweise in wertvollen Eichenbeständen in großen Mengen auftreten und viele Bäume kahlfressen. Wie Recherchen des BN aber ergeben haben, ist das Absterben ganzer Bestände in bayerischen Wäldern wegen Kahlfraß nicht belegt. Allenfalls sterben einzelne Eichen.

Auch ein umfangreiches wissenschaftliches Projekt hat gezeigt, dass sich viele Bäume nach Kahlfraß wieder erholen. So weist beispielsweise die Eiche eine große Regenerationsfähigkeit auf. Das liegt am  sogenannten Johannistrieb. Wenn Eichen im Frühling von Schwammspinner-Raupen kahlgefressen werden, treibt der allergrößte Teil der Bäume im Sommer wieder neu aus und es entsteht kein dauerhafter Schaden. Die Größenordnung des Schadens entsprach in etwa dem, was auch bei regulären Durchforstungen, den sogenannten Pflegemaßnahmen, entnommen wird.

Aus Artenschutzsicht untragbar

  • Das Fraßgift Mimic tötet alle Insekten, die sich häuten und an begifteten Pflanzen fressen. Weil das Gift flächendeckend per Hubschrauber – also quasi als Giftdusche – ausgebracht wird, werden nicht nur die befallenen Bäume begiftet, sondern alle Bäume, Sträucher und Bodenpflanzen im betroffenen Areal.

Eiche beherbergt besonders viele Arten

  • Der flächenhafte Gifteinsatz in Eichenbeständen ist besonders bedenklich, weil Eichen von Natur aus einen enormen Insektenreichtum aufweisen: Auf und von der Eiche leben 699 blattfressende Gliederfüßer-Arten. Allein unter den Insekten finden sich 305 Schmetterlings-, 208 Käfer-, 45 Gallwespen- und 39 Wanzenarten. Damit weist die Eiche die mit Abstand größte Insektenvielfalt von allen Bäumen in Deutschland auf.

305

Schmetterlingsarten

208

Käferarten

45

Gallwespenarten

Fledermäuse leiden stark unter der Begiftung, weil sie auf Insekten als Nahrung angewiesen sind. Sie gelten als besonders sensibel, weil sie einen außerordentlich hohen Energiebedarf haben, den sie tagtäglich über die Nahrung abdecken müssen. Durch die Begiftung von Raupen fällt jedoch ein zentraler Teil der energiereichen Beute weg.

Alle heimischen 22 Fledermausarten kommen in Wäldern vor. Viele davon nutzen Eichenwälder als Lebensraum, Quartier- und Jagdgebiet. Doch die Verbreitung der Fledermäuse im Wald ist nur unzureichend bekannt, weil in vielen Gebieten gar keine Erfassung stattfindet. So wurde zum Beispiel die Nymphenfledermaus jahrzehntelang übersehen, weil sie überwiegend im Kronenraum der Bäume lebt. Besonders bedroht durch die Gifteinsätze ist die gefährdete Bechsteinfledermaus, eine FFH-Art, deren Hauptnahrungsquelle Raupen sind.

Schmetterlinge sind nach den Käfern die artenreichste Gruppe der Insekten und besonders massiv vom Gifteinsatz betroffen. So schreibt auch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) Mimic eine hohe Toxizität für "Nichtzielarten" unter den Schmetterlingen zu. Denn letztlich werden die Raupen aller Arten, die an begifteten Pflanzen fressen, getötet. Allein von den 1.406 Großschmetterlingsarten in Deutschland haben 971 Arten eine Waldbindung. Nimmt man die Kleinschmetterlinge hinzu, kann man von einer vierstelligen Zahl an Schmetterlingsarten ausgehen, die in Eichen- beziehungsweise Laubmischwäldern potenziell betroffen sein können.

Daneben sind von einer Begiftung alle Insekten betroffen, die an Bäumen, Sträuchern und Bodenpflanzen in dem begifteten Gebiet leben.

Auswirkungen auf Bienen wurden nie untersucht: Obwohl Mimic als „nicht bienengefährlich“ eingestuft ist, hat beispielsweise das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Schweinfurt im Rahmen der Begiftungsaktionen 2020 empfohlen, Bienenkästen für den Zeitraum der Befliegung umzusetzen oder zumindest am Behandlungstag geschlossen zu halten.

Die Wildbienenarten Frühlings-Schmalbiene oder die stark gefährdete Eichen-Erdbiene sammeln Eichenpollen als Nahrung für ihre Brut. Damit wird Mimic in die Nester getragen, die Auswirkungen auf die Brut wurden bisher nicht untersucht.

Weil Mimic auf Wasserorganismen stark toxisch wirkt, müssen Gewässer – auch vorübergehende – vom Begiften mit einem Abstand von 25 Metern ausgenommen werden. Problematisch ist, dass viele kleine und kleinste Gewässer, in denen zum Beispiel Gelbbauchunken vorkommen, gar nicht erfasst sind. Somit besteht die Gefahr, dass die Gewässer unzulässig begiftet werden.

Auch für Vögel hat der Gifteinsatz ernste Folgen: Eine Untersuchung aus den Jahren 2004 und 2005 in Eichenwäldern am Autobahndreieck Werneck zeigt, dass die Schwammspinner-Begiftung mit dem Häutungshemmer Dimilin bei den Vögeln zu deutlich weniger Arten und Individuen führt, besonders bei den Insektenfressern und den Vogelarten, die am Stamm und in der Innenkrone von Eichen nach Nahrung suchen.

Untersuchungen im Gemeindewald Schwebheim aus dem Jahr 1994 belegen massive Auswirkungen auf die Vogelbruten. Wegen der Schwammspinner-Begiftung (flächig behandelt) waren im überwiegenden Teil der Nistkästen die Jungen gestorben beziehungsweise die Eier leer, was in unbehandelten Wäldern so gut wie nicht vorkam.

Rechtlich nicht zulässig

Der flächenhafte Gifteinsatz in bayerischen Eichenwäldern verstößt gegen geltendes Recht. Erstens ist die Begiftung mit Luftfahrzeugen laut EU-Recht nur in Ausnahmefällen erlaubt, etwa wenn die betroffenen Wälder durch den Schädlingsbefall ganz absterben könnten. Wie weiter oben ausgeführt, ist das bei den Eichenwäldern aber nicht der Fall. Zweitens müssen Flächen, die begiftet werden sollen, laut EU- und Naturschutzgesetz vor dem Einsatz genau geprüft werden, wenn beispielsweise FFH-Gebiete oder besonders geschützte Arten betroffen sein könnten. Dies hat nicht ausreichend stattgefunden.

Baumkrone einer gut belaubten Eiche von unten fotografiert in einem Wald in Rüdisbronn. In den vergangenen Jahren haben sich etliche Waldbesitzer*innen gegen einen Gifteinsatz in ihren Wäldern entschieden. (Foto: BN)

Erfreuliche Ausnahmen

In den vergangenen Jahren haben sich etliche Waldbesitzer*innen gegen einen Gifteinsatz in ihren Wäldern entschieden, trotz anderslautender Empfehlung der beratenden Forstverwaltung, etwa in Rüdisbronn im Landkreis Neustadt/Aisch (Bild). Mit positivem Ausgang: Die befallenen Wälder sind nicht abgestorben! Der BN fordert deshalb, ein entsprechendes Engagement von Waldbesitzer*innen für den Artenschutz finanziell zu honorieren.

Auf Nützlinge statt Insektizide bauen

Schwammspinner haben viele natürliche Feinde, zum Beispiel Krankheitserreger wie Bakterien und Viren, Schmarotzer wie bestimmte Fliegen oder Wespen und Räuber wie Käfer, Ameisen, Vögel oder Kröten. Sie alle tragen dazu bei, dass Massenvermehrungen auf natürliche Weise enden und Schwammspinnerbestände zusammenbrechen.

Und hier schließt sich der Kreis: Gifteinsätze entziehen diesen Nützlingen schlagartig die Nahrungsgrundlage oder töten sie sogar. Ihr Bestand wird kleiner, mit der Folge, dass bei der nächsten sich anbahnenden Massenvermehrung die Gegenspieler des Schwammspinners fehlen und der Schaden potenziell noch größer wird.


Der beste Schutz: Vitale und artenreiche Wälder

Waldbesitzer*innen können viel für einen widerstandsfähigen Wald tun. Sie können ihren Wald vital, artenreich und klimastabil halten, sodass Massenvermehrungen von Schadorganismen möglichst gar nicht auftreten beziehungsweise ihr Wald selbst damit fertig wird. Hier geht es vor allem um langfristige Maßnahmen wie:

  • ein feuchtes Waldinnenklima erhalten (kein großflächiger und starker Holzeinschlag),
  • keine Entwässerung,
  • Waldboden schützen (nicht flächig befahren, weite Abstände zwischen Rückegassen),
  • durch waldfreundliche Jagd Aufwuchs eines vitalen Mischwaldes ermöglichen (Naturverjüngung beziehungsweise Anpflanzungen sollen ohne Zäune möglich sein),
  • Baumartenmischung anstreben mit heimischen, wärmetoleranten (zum Beispiel Eiche, Spitz- und Feldahorn, Elsbeere), schattentoleranten (etwa Buche, Linde, Hainbuche) und sogenannten Pionierbaumarten (beispielsweise Birke, Aspe, Salweide).