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Tiere und Pflanzen

Ökosystem Fluss und Aue – ein Lebensraum in Bewegung

Naturnahe, lebendige Bäche und Flüsse sind das Rückgrat des Artenschutzes. So gehören die Auen zu den artenreichsten Naturräumen Europas. Ihr dynamisches Mosaik unterschiedlicher Lebensräume bietet vielen seltenen und gefährdeten Tier- und Pflanzenarten eine Heimat.

Artenreiche Auen

Auen zählen zu Europas artenreichsten Lebensräumen. Von rund 50 Biotoptypen in Bayern (ohne Alpen) kommen etwa zwei Drittel typischerweise nur dort vor. Fast alle Amphibienarten, über 70 Prozent der Libellen- und 60 Prozent der Brutvögelarten finden hier ihren Hauptlebensraum.

Wichtige Ökosystemleistungen

Auen sind mehr als Lebensraum: Sie nehmen bei Hochwasser große Wassermengen auf, filtern Schadstoffe, speichern Kohlenstoff in Boden und Pflanzen und bieten großen Erholungswert für Menschen.

Drei Zonen von Fluss und Aue

Fluss und Aue gliedern sich in drei Zonen: die dauerhaft nasse Unterwasserzone, die häufig überflutete Weichholzaue mit Silberweiden und Erlen sowie die seltener gefluteten Hartholzauen mit artenreichen Wäldern.

Massiver Auenverlust

Deutschlandweit sind nur noch 32 Prozent der ursprünglichen Auenflächen erhalten, lediglich neun Prozent gelten als naturnah. In Bayern ist die Lage noch dramatischer: Nur drei Prozent der Auen sind kaum beeinträchtigt.

Große Flüsse besonders betroffen

Besonders Bayerns große Flüsse haben massive Verluste erlitten: Die Donau verlor 80 Prozent ihrer Überflutungsflächen, Iller, Lech und Wertach sogar über 90 Prozent. Naturnahe Auen finden sich nur noch vereinzelt, etwa an der Isar oder am Unterlauf des Inns.

Forderungen für den Auenschutz

Der BUND Naturschutz fordert mehr Raum für Flüsse, den Rückbau von Staudämmen, mindestens zehn Meter breite Uferrandstreifen sowie konsequenten ökologischen Hochwasserschutz statt technischer Lösungen. Neue Wasserkraftwerke lehnt der BN ab.

Das Ökosystem Fluss und Aue

Auen sind die natürlichen Überflutungsflächen von Flüssen oder Bächen. Sie sind vom Wasser geprägt und verbinden Landschaften miteinander. Tiere und Pflanzen, die in der Aue, im Bach oder Fluss leben, müssen hervorragend an die dort herrschenden, extrem wechselnden Lebensbedingungen angepasst sein, etwa mit stromlinienförmigen Körpern, Haftorganen oder einer besonders raschen Keimung, denn in naturbelassenen Fließgewässern und ihren Auen

  • herrscht teils eine starke Strömung,
  • schwanken mit dem Wechsel der Jahreszeiten die Wasserstände stark.
  • wechselt die Wasserführung ständig,
  • ändert sich das Gefälle,
  • kommen verschiedene Bodenarten von schlammig bis kiesig vor.

Dies und ein ausgeprägtes Kleinrelief bedingen außerdem eine enorme Vielfalt an Lebensbedingungen von extrem trocken bis nass. Diese Vielfalt kennzeichnet das Ökosystem Fluss und Aue. Von den etwa 50 verschiedene Biotoptypen in Bayern (außerhalb der Alpen) kommen etwa zwei Drittel entweder ausschließlich in Auen vor oder sind typische Vertreter von Auen.

Artenreicher Lebensraum mit Schutzfaktor

Die Vielfalt an Lebensräumen und -bedingungen in den Auen ermöglicht einen immensen Artenreichtum: Neben einer Vielzahl von Pflanzen haben dort fast alle Amphibienarten, ein Großteil der Mollusken (Schnecken und Muscheln), mehr als 70 Prozent aller Libellen- und 60 Prozent aller Brutvogelarten ihren primären Lebensraum. Für Fische sind die Auegewässer unersetzliche Kinderstuben.

Auen sind jedoch nicht nur als Lebensraum vieler Arten wichtig, sie erfüllen auch gesellschaftliche Aufgaben. Sie

  • bremsen, speichern und halten Wasser zurück, was dem Hochwasserschutz dient,
  • filtern Sedimente und Schadstoffe aus dem Hochwasser,
  • speichern große Mengen an Kohlenstoff in der Vegetation und im Boden,
  • haben einen hohen Erholungswert.

Die Zonen im Ökosystem Fluss und Aue

Zum Ökosystem Fluss und Aue gehört die sogenannte aquatische Zone (Unterwasserzone), die immer unter Wasser steht. Das ist zum Beispiel der Lebensraum von Fischen.

In der sogenannten Weichholzaue steht das Wasser regelmäßig und lange hoch. An großen Flüssen ist die Aue mehrere Kilometer breit. Bei Hochwasser zeigt sie ihre ganze Ausdehnung, dann werden Fluss und Aue eins. In der Weichholzaue ist die Silberweide konkurrenzlos. Sie kann bis zu 300 Tage im Nassen stehen. Nach dem Hochwasser keimt sie mit anderen Pionierarten auf dem trockenfallenden Rohboden. Auch die Erle kommt gut mit “nassen Füßen” zurecht. Natürlicherweise wird die Weichholzaue ein bis zweimal pro Jahr überschwemmt. Diese “Wasserwechselzone” wird auch amphibische Zone genannt, weil sie Amphibien sowohl die Fortpflanzung im Wasser als auch das Leben an Land ermöglicht. 

Die Hartholzaue (terrestrische Zone) wird seltener und nur bei Spitzenhochwassern vom Fluss durchströmt. Die Wälder dort sind die struktur- und baumartenreichsten in Mitteleuropa: Typische Baumarten dieser “Überwasserzone” sind Stileiche, Ahorn, Esche, Hainbuche, Ulme und Birke. Lianen und Sträucher verweben sich zu einer schier undurchdringlichen Wildnis. Besonders beeindruckend und weltweit einmalig ist der Reichtum an Frühjahrsblühern.

Auen bis zu 90 Prozent geschrumpft

Der Großteil der Auen ist heute verschwunden: In Deutschland sind heute nur noch 32 Prozent der ursprünglichen Auenflächen vorhanden. Lediglich neun Prozent der davon gelten als sehr gering oder gering verändert und damit als naturnah. Ursache: Die meisten Flüsse sind mit Uferbefestigungen verbaut, begradigt und gestaut. Viele Auen sind von ihren Flüssen durch Dämme getrennt und trocknen aus. Wie schlecht es den Auen geht, zeigt der Auenzustandsbericht des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) von 2021.

Um die bayerischen Auen ist es im bundesweiten Vergleich leider besonders schlecht bestellt. Nur drei Prozent gelten als wenig beeinträchtigt. Die Donau hat 80 Prozent, Iller, Lech und Wertach sogar über 90 Prozent ihrer Überflutungsflächen und damit ihrer überflutbaren Auen verloren. Weitgehend intakte Auen finden sich nur noch an ganz wenigen Stellen, beispielsweise im alpinen Bereich der Isar, am Unterlauf des Inns oder an den nördlichen Donauzuflüssen Altmühl, Naab und Regen.

Schützen und reaktivieren

Alle verbliebenen und noch halbwegs intakten Auen in Bayern müssen streng geschützt und, wo möglich, geschädigte Auen wieder reaktiviert werden. Dafür macht sich der BN stark und an vielen bayerischen Flüssen, kann man das jahrzehntelange Engagement des Verbandes und seiner Mitstreiter*innen heute auch sehen, etwa

  • an der Salzach, deren Auen heute renaturiert werden und in Bayern nicht durch Staustufen zerstört sind.
  • an der Donau, die zwischen Straubing und Vilshofen noch frei und ungestaut strömen darf.
  • an der Isar, die durch Renaturierung nach und nach wieder zu einem reißenden Alpenfluss wird.
  • an der Westlichen Günz, wo der BN schon früh Biotopflächen erwarb.
  • an der Waldnaab, wo der BN eine Wasserspeicher verhinderte.
  • an der Schwarzach, wo der BN den Durchstich eines Mäanders (Flussschlinge) vereitelte.

Unsere Forderungen

Mit der Natur statt gegen sie zu arbeiten, heißt Uferverbauungen und Querbauwerke (z. B. Staustufen) entfernen, ehemalige Flussläufe reaktivieren, Deiche zurückverlegen, natürliche Wasserabflüsse wiederherstellen und vieles andere mehr. Sowohl Fluss und Aue als auch Flussabschnitte müssen wieder miteinander vernetzt werden, Tiere und Pflanzen sollen wieder ungehindert wandern und sich ausbreiten können.

Das übergeordnete Ziel ist es, Raum und Möglichkeiten zu schaffen, damit der Fluss sich wieder natürlich entwickeln kann. Flüsse und Auen sind prädestinierte Räume für Wildnis, aber wo es ökologisch verträglich und sinnvoll ist, kann auch eine angepasste Bewirtschaftung (z. B. Beweidung) der Auen die Vielfalt erhöhen.

Es gibt genug ausformulierte Ziele für einen guten und wirksamen Auenschutz. Die Biodiversitätsstrategien Bayerns, Deutschlands und der EU sowie das Europäische Schutzgebietsnetzwerk Natura 2000, die europäische Wasserrahmenrichtlinie und seit 2024 auch die europäische Verordnung zur Wiederherstellung der Natur verpflichten zu mehr Fluss- und Auenschutz.

Bayern hat ein gutes Auenprogramm und es gibt viele gute und wirksame Renaturierungsprojekte. Allein: Es hapert an der Umsetzung, an großräumigen Konzepten und an der Bereitschaft, Flächen bereitzustellen. Dazu braucht es in der bayerischen Verwaltung:

  • eine Kommunikations- und Umsetzungsstrategie,
  • eine bessere personelle und finanzielle Ausstattung insbesondere der Kommunen und Wasserwirtschaftsämter,
  • wirksamere Förderprogramme und
  • die Nutzung der Synergien mit dem Hochwasserschutz.

Die europäischen Ziele zur Renaturierung von Flüssen und Auen mit Natura 2000 (seit 1992) und der europäischen Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (seit 2024) müssen auch in Bayern ambitioniert umgesetzt und auf allen Ebenen mit ausreichend finanziellen Mitteln ausgestattet werden.

Als Minimum sollten an allen Gewässern mindestens zehn Meter breite ungenutzte Gewässerrandstreifen zur Verfügung gestellt werden, wo sich die Vegetation wieder natürlich entwickeln kann. Der seit 2019 auch in Bayern verbindliche Gewässerrandstreifen von fünf Metern (staatliche Gewässer 10 m) muss entsprechend genutzt und freiwillig erweitert werden. Wo immer möglich, sollen noch breitere Entwicklungskorridor entstehen.

Gerade an kleinen Bächen ist es angesichts der Klimaerwärmung sinnvoll, Gehölzaufwuchs zuzulassen. An kleinen Bächen ist es in der Klimakrise besonders wichtig, Bäume und Sträucher an den Ufern wachsen zu lassen, etwa, weil sich das Wasser dann weniger schnell erwärmt. Wo die Eigenentwicklung hierfür nicht ausreicht, braucht es zusätzliche finanzielle Anreize für die Pflanzung gewässertypischer, standortangepasster Gehölze und Sträucher.

Biber und Gewässer gehören zusammen. Die Artenvielfalt von Gewässern hat sich auch mit dem Einfluss des Bibers entwickelt. Wo er seine Dämme baut und Gewässer umgestaltet, entstehen breite Flachwasserzonen, vielfältig strukturierte Uferbereiche und eine enge Verzahnung von Gewässer und Aue.

Langzeituntersuchungen zeigen: Wo der Biber wirkt, explodiert die Artenvielfalt und die Lebensraumvielfalt nimmt zu. Nebenbei verbessert sich auch der Grundwasserhaushalt. In (zunehmenden) Trockenzeiten sind Biber-Lebensräume oft die letzten wasserführenden Refugien, während sie bei Hochwasser zum Wasserrückhalt und der Abflussverzögerung beitragen. Konflikte entstehen mit zu intensiver menschlicher Nutzung der Uferbereiche und können mit einem zehn Meter breiten Uferstreifen weitgehend vermieden werden. Wo noch Probleme verbleiben, hilft das bayerische Bibermanagement.

Die Energiewende und die Umstellung auf regenerative Energien brauchen keinen Ausbau der Wasserkraft: Deren energetische Potenziale sind sehr gering und der damit verbundene Schaden für unsere Fließgewässer sehr hoch. Auslaufende Konzessionen von Wasserkraftwerken müssen für weitgehende ökologische Verbesserungen genutzt werden. Der BN hat dies beispielsweise für den in Bayern am stärksten gestauten Fluss, den Lech, in einem Zukunftsprogramm aufgezeigt. Und eigentlich selbstverständlich sollte sein, dass es in allen Bereichen keine weiteren Verschlechterungen an Flüssen und Auen mehr geben darf.

"DeDamming" – unter diesem Stichwort werden immer mehr und überall auf der Welt Querbauwerke (z. B. Wehre) und Staudämme zurückgebaut. Erfahren Sie hier mehr über diese Bewegung und die konkreten Forderungen des BN und anderer Umweltverbände. Zusammen mit weiteren Partner wie dem Landesfischereiverband und dem WWF ist der BN selbst aktiv im Projekt „Fluss.Frei.Raum“.

Bis 2015 hätten alle Gewässer Europas in einem "guten Zustand" sein sollen, so das Ziel der im Jahr 2000 von den Mitgliedstaaten verabschiedeten Wasserrahmenrichtlinie. Wir fordern seitdem bessere Anreize für freiwillige Maßnahmen, aber auch verbindliche Vorgaben. Die Bevölkerung muss wesentlich stärker einbezogen werden, wir brauchen ein "Wasserbewusstsein" – gerade in Zeiten der Klimakrise und ihren gravierenden negativen Auswirkungen auf den Wasserhaushalt auch in Bayern.

Das Leben in Flüssen und Auen ist auch durch schädliche Einträge wie Pflanzenschutzmittel, Gülle, hormonaktive Substanzen und Arzneimittel, Mikroplastik, PFAS („Ewigkeits-Chemikalie“) und viele andere Giftstoffe bedroht. Damit Renaturierungen auch tatsächlich wirken, müssen diese stofflichen Belastungen reduziert werden.

Der ökologische Hochwasserschutz muss Vorrang vor technischen Lösungsversuchen mit immer höheren flussnahen Deichen und Staupoldern (künstliche Überflutungsflächen zur Hochwasserkontrolle) bekommen. Ökologisch sinnvolle Maßnahmen zum Hochwasserschutz:

  • Rückverlegung von Deichen für mehr naturnahe Auen,
  • Renaturierung der Fließgewässer mit Ausweisung von Uferstreifen,
  • Renaturierung von Mooren,
  • mehr Naturnähe in den Bergwäldern,
  • Stopp der Bebauung und Versiegelung von Auen,
  • im gesamten Einzugsgebiet eine erosionsmindernde Landbewirtschaftung, die die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens verbessert.

Hochwasserschutz heißt Wasserrückhalt in der gesamten Landschaft. Davon profitiert auch der Wasserhaushalt in zunehmenden Dürrezeiten.

Intakte Flüsse und Auen sind nicht nur Hotspots der Biodiversität und natürlicher Hochwasserschutz. Sie sorgen auch für einen naturnäheren Grundwasserhaushalt, was in Zeiten der Klimakrise zunehmend von Bedeutung ist. Durch Forschungsprojekte an der Elbe ist mittlerweile ebenfalls bekannt: Auen mit einem natürlichen Wasserhaushalt speichern mehr Kohlenstoff als gestörte Auen, sie sind also auch Verbündete im Klimaschutz. Diese „Leistungen“ intakter Auen müssen in allen Planungen endlich höheres Gewicht bekommen. Auenschutz und -renaturierung muss auf der politischen und behördlichen Agenda ganz nach oben.