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Bedrohung von Flüssen und Auen in Bayern
Flüsse und Auen in Bayern haben im vergangenen Jahrhundert enorm gelitten. Nur noch Bruchteile der Fließgewässer im Freistaat dürfen frei fließen und haben intakte Auen. Zeit, aus unseren Fehlern zu lernen!
Gesunde Auen brauchen frei fließende Flüsse. Die faszinierende Vielfalt von Auen kann sich nur entwickeln, wenn sich die Wasserstände (Hydrodynamik) und die Ufer und das Land (Morphodynamik) entlang des Flusses ständig mit dem Fluss verändern dürfen. Die hochspezialisierten Tiere und Pflanzen, die in der Aue leben, sind an diese extremen Wechsel angepasst und brauchen sie sogar. Wenn sie ausbleiben, werden sie von anderen, durchsetzungsfähigeren Arten verdrängt. Für das ständige Vergehen und Neuentstehen brauchen Auen und ihre Bewohner genügend Raum und einen frei fließenden Fluss.
Heute setzen Deiche, Begradigung und Querbauwerke den Flüssen und ihren Bewohnern zu: Noch vor weniger als 200 Jahren waren die Auen wild und breit und die Flüsse frei. Heute sind die meisten bayerischen Flüsse eingedeicht, begradigt und mit Staustufen verbaut. Die meisten Fließgewässer werden durch zahlreiche Barrieren unterbrochen. Das Landesamt für Umwelt hat 57.000 Querbauwerke in den bayerischen Bächen und Flüssen gezählt, darunter 6.600 Wehre, welche den Fluss am meisten beeinträchtigen. Sie stauen Fließgewässer meist über längere Strecken auf und hindern die Gewässerlebewesen an der Fortbewegung. Frei passierbar sind nur vier Prozent (etwa 260) der bestehenden Wehre. Bei allen anderen gibt es kein Durchkommen für die Flussbewohner.
57.000
Querbauwerke
6.600
Wehre
260
passierbar
Auch Verschmutzung, Ausleitung und Erwärmung belasten unsere Flüsse und Bäche: Problematisch sind etwa Einträge aus Kläranlagen oder von benachbarten Feldern sowie die Erwärmung im Zuge der Klimakrise. Auch das Ausleiten von Wasser für die Stromgewinnung oder die Entnahme für die Bewässerung machen den bayrischen Fließgewässern zu schaffen, denn weniger Wasser bedeutet auch, dass sie sich noch schneller erwärmen. Das führt zu Sauerstoffdefiziten, die das gesamte Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen. Bei weniger Sauerstoff können weniger Organismen im Fluss leben, die Fähigkeit zur Selbstreinigung nimmt dadurch ab, sodass die Wasserqualität noch schlechter wird. Ein klassischer Teufelskreislauf.
Warum bedroht die Verbauung Fluss und Aue?
Ein naturbelassener Fluss oder Bach fließt niemals lange geradeaus: Er biegt mal rechts mal links ab, teilt sich in mehrere Arme auf (Furkationsstrecke), kurvt großzügig durch die Landschaft (Mäanderstrecke), weicht Hindernissen aus oder gräbt sich in diese ein (Durchbruchstrecken, z.B. Weltenburger Enge). In seinen Auen formt er eine enorme Vielfalt an unterschiedlichen Lebensräumen und Gewässertypen – vom kleinen Hochwassertümpel bis hin zu mächtigen Altwasserarmen.
Wenn der Mensch ein Fließgewässer begradigt, nimmt er ihnen die natürliche Dynamik. Er verkürzt den Flusslauf. Das führt zu zahlreichen Problemen:
- Abkopplung der Auen vom Fluss
- Verlust von Lebensräumen (Kiesbänke, Altarme etc.) und Artenvielfalt
- höhere Fließgeschwindigkeit – der Fluss gräbt sich ein
- das Grundwasser sinkt – Auen und land- und forstwirtschaftliche Flächen trocknen aus
- verminderte Selbstreinigungskraft – Verschlechterung der Wasserqualität
- größeres Hochwasserrisiko flussabwärts
Staustufen bringen weitere Probleme: So wird die Beschleunigung der Flüsse durch Staustufen noch verstärkt. Sie halten das sogenannte Geschiebe im Oberlauf zurück. Das ist vor allem Gesteinsmaterial, das ein Fluss natürlicherweise am Flussbett vor sich her schiebt. Es nimmt dem Fluss normalerweise auf natürliche Weise einen Teil seiner Kraft, sodass er sich nicht so schnell tiefer eingräbt. Natürlicherweise löst der Fluss auch seitlich an seinen Ufern immer wieder Erde und Gestein ab. Diese Seitenerosion wird heute aber vielerorts durch Uferbefestigungen verhindert.
Wehre und Staustufen verhindern außerdem das für die Aue wichtige Niedrigwasser. Wo der Fluss angestaut wird, etrinken Bereiche, in denen sich natürlicherweise Hoch- und Niedrigwasser abwechseln und die Auwälder im wahrsten Sinne des Wortes. Wo der Fluss gestaut ist verschwinden wichtige Laichgründe und die Aue ist langfristig zum Sterben verurteilt. Ihr fehlt die lebenswichtige Dynamik.
In Deutschland stehen heute nur noch rund ein Drittel der ehemaligen Auen als Überschwemmungsflächen zur Verfügung. Von diesen noch überflutbaren (rezenten) Auen wiederum sind nur zehn Prozent noch in relativ gutem Zustand (sehr gering oder gering verändert). Die wertvollen Hartholzauwälder sind sogar auf unter ein Prozent ihrer früheren Fläche geschrumpft.
Nur drei Prozent der bayrischen Auen gelten als wenig beeinträchtigt. Allein 67 Prozent der Auenflächen werden landwirtschaftlich genutzt, zunehmend als Äcker. Weitere zwölf Prozent sind mit Siedlungs- und Verkehrsflächen überbaut. Wald findet man nur noch in 15 Prozent der bayerischen Auen. Mit diesen gravierenden Veränderungen sind nicht nur wichtige Naturschätze verlorengegangen, die Hochwassergefahr hat auch stark zugenommen, weil sich der Fluss im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr „breit“ machen kann. Er ist in ein enges Korsett gezwängt, bei viel Regen kann sich das Wasser nur in eine Richtung ausdehnen – nach oben.
Auenbewohner verlieren ihre Heimat
Mit dem Verschwinden der Auen haben unzählige Tiere und Pflanzen ihren Lebensraum verloren. Viele der typischen Auebewohner sind deshalb heute stark gefährdet, einige sogar vom Aussterben bedroht. Die biologische Vielfalt in den einstigen Schatzkästchen der Natur hat stark abgenommen. Nur sehr wenige Auenbewohner finden beispielsweise in Kiesgruben Asyl – jedoch nie dauerhaft und gesichert, denn diesen Ersatzlebensräumen aus zweiter Hand fehlt die nötige und für die Auenarten überlebenswichtige Dynamik.
Gewässerverschmutzung durch Fabriken und Landwirtschaft
Auch die Wasserverschmutzung beeinträchtigt Flüsse und Auen. Heute sind es nicht mehr so sehr die Fabriken, als vielmehr die Landwirtschaft, die Bäche und Flüsse verschmutzt. Überall dort, wo Äcker bis an die Gewässer heran bewirtschaftet werden, finden Dünger und Pestizide ihren Weg ins Wasser und schädigen das Leben im und am Fluss. Wo ehemals Wald und Wiesen wuchsen, dehnen sich heute viel zu oft Äcker aus und der Boden liegt blank. Wind und Wetter tragen ihn ab und in die Flüsse hinein, sodass heute viele Flussbetten verschlammt und für bestimmte Fisch- und Muschelarten zur Fortpflanzung nicht mehr nutzbar sind. Immerhin müssen Landwirt*innen in Bayern bei der Bewirtschaftung inzwischen fünf Meter Abstand zu Gewässern halten.
Schifffahrt und Wasserkraft setzen den Flüssen zu
Auch für die Schifffahrt und die Wasserkraft wurden in Bayern schon viele Flüsse oder Flussabschnitte und die umliegenden Auen zerstört. Durch Vertierung und Verbreiterung der Flussbetten und Flussbegradigungen gingen unersetzliche Lebensräume für Tiere und Pflanzen verloren und die Fließgewässer verloren ihre natürliche Dynamik. Zusätzlich liegen mehr als 60 Prozent aller deutschen Wasserkraftanlagen an bayerischen Flüssen und Bächen – mit verheerenden Folgen für die Ökologie der Gewässer.










