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Intakte Auen: natürlicher Hochwasserschutz für Bayern

Naturnahe Flüsse und Auen sind nicht nur “Hot Spots” der Artenvielfalt, sie bieten uns auch einen hervorragenden ökologischen Hochwasserschutz.

Flüsse verlieren ihre Überschwemmungsflächen

Durch Deiche, Begradigung und Flächenversiegelung besitzen Deutschlands Flüsse heute nur noch rund 20 Prozent ihrer ursprünglichen natürlichen Überschwemmungsflächen. Fehlt dem Boden diese Aufnahmekapazität, bilden sich schneller große Hochwasserwellen – mit teils katastrophalen Folgen für Mensch und Eigentum.

Zu wenig natürlicher Hochwasserschutz

Zwischen 2000 und 2014 wurden in Bayern lediglich 55 Kilometer Deiche zurückverlegt und etwa 25 Millionen Kubikmeter zusätzlicher Retentionsraum geschaffen. Der BUND Naturschutz fordert deshalb mehr Renaturierung, Moorschutz und Auenanbindung statt teurer Flutpolder und immer höherer Dämme.

Natur schützt besser als Beton

Ein positives Beispiel für gelungenen natürlichen Hochwasserschutz sind die Rückverlegungen von Deichen an der Mittleren Isar. Dort bremste ein reaktivierter Auwald 2005 spürbar das Hochwasser. Auch das Talauenprojekt im Südlichen Steigerwald, entstanden nach den Fluten 1993 und 1995, schützt Gemeinden heute mit naturnahen Grünbecken erfolgreich bei Starkregen.

Flüsse verbaut, Auen zerstört

Der Mensch hat die Flüsse systematisch ihrer Überschwemmungsflächen beraubt: Hochwasser an Flüssen und Bächen ist ein natürliches Phänomen. Es geht meist auf extreme Niederschläge zurück – doch immer ist auch der Mensch im Spiel. So haben wir in den letzten Jahrzehnten unsere Landschaft systematisch so umgebaut, dass sie “das Wasser nicht mehr halten kann”: Wasser wird systematisch durch den Ausbau von Entwässerungen und Drainagen aus der Landschaft abgeleitet.

Immer mehr Fläche wurde versiegelt, der Boden durch intensive Landwirtschaft verdichtet und Wälder gerodet. Die meisten Flüsse haben wir mit Deichen verbaut, sie begradigt und gestaut und ihre Auen zerstört. So verfügen die deutschen Flüsse heute nur noch über rund 20 Prozent ihrer früheren natürlichen Überschwemmungsfläche. Wo aber das Land kein Wasser mehr aufnehmen kann, fließt immer mehr Niederschlagswasser immer schneller zu großen Hochwasserwellen zusammen.


Technischer Hochwasserschutz funktioniert nicht

Bis heute ist die Wasserwirtschaft überwiegend auf immer höhere Dämme und den Bau von Flutpoldern fixiert. Doch höhere Deiche bieten den Anwohner*innen nur eine trügerische Sicherheit und verschärfen die Hochwassergefahr für jene, die weiter flussabwärts leben (Unterlieger). Deiche können brechen, Flutpolder bei schlechter Steuerung nahezu wirkungslos sein. Weder Deiche noch Flutpolder reduzieren tatsächlich die Wassermenge, die in den Flüssen ankommt.

Technischer Hochwasserschutz (z. B. Deiche) kann keinen flächigen Hochwasserschutz bieten. Vielmehr braucht es einen Paradigmenwechsel. Der BUND Naturschutz fordert deshalb seit langem einen natürlichen Hochwasserschutz. Vorrang müssen naturnahe Maßnahmen haben, die durch technische Maßnahmen ergänzt werden – und nicht umgekehrt.

Ein Mann steht an einem Rednerpult vor einem Banner mit der Aufschrift "Die Donau soll leben". Der BN kämpft seit Jahrzehnten für eine frei fließende Donau. (Foto: Holger Lieber)

Gewässerschutz in Bayern

Frei fließende Flüsse und intakte Auen sind nicht nur „Hot Spots“ der Artenvielfalt, sie bieten uns auch einen hervorragenden natürlichen Hochwasserschutz. Es lohnt sich also nicht nur ihrer Schönheit wegen, sie zu schützen. 

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Wie geht natürlicher Hochwasserschutz?

Maßnahmen:

  • Verbesserung des Wasserrückhalts im Einzugsgebiet durch eine regenspeichernde Landbewirtschaftung, die die Porenstruktur und Versickerungsfähigkeit des Bodens erhält, beispielsweise durch Sicherung von dauerhaftem Bewuchs (Untersaat), Sicherung von Wiesen (Wasserabfluss von Wiesen ist nachweislich langsamer und geringer als von Äckern), Schaffung von Strukturen, vor allem quer zum Hang, Erhaltung und Verstärkung natürlicher Muldenstrukturen und Wälder.
  • Erhöhung der Wasserspeicherfähigkeit von entwässerten Mooren durch Renaturierung.
  • Verlangsamung des Abflusses an den zahlreichen kleinen Gewässern durch Renaturierung und Wiederherstellung ehemaliger Flussschleifen sowie durch Aktivitäten des Bibers.
  • Wiederanbindung von Auen an den Fluss, indem Deiche weiter landeinwärts an den Rand der Aue verlegt werden.
  • Versiegelung von Böden reduzieren.

Die Wirksamkeit all dieser Maßnahmen ist nachgewiesen. Wenn sie einzeln keinen Schutz vor einem 100-jährigen Hochwasser bringen, müssen sie kombiniert und in der Summe berechnet werden. Wenn die Summe der möglichen natürlichen Maßnahmen im Einzugsgebiet nicht ausreicht für den Schutz von gefährdeten Siedlungen, sind technische Maßnahmen zur Ergänzung einzusetzen.


Bayern vertagt den ökologischen Hochwasserschutz

Das “Problem”: Maßnahmen für ökologischen Hochwasserschutz brauchen Fläche und die Bereitschaft vieler Einzelner. Doch der bayerische Hochwasserschutz fängt quasi “hinten” an. Bei der Umsetzung des bayerischen “Aktionsprogramms Hochwasserschutz 2020”, das 2013 erweitert wurde auf das “Aktionsprogramm 2020plus”, setzte die Politik vor allem auf technische Maßnahmen. Dagegen wurden zwischen 2001 und Ende 2018 insgesamt nur 71 Kilometer Deiche zurückverlegt und nur 25 Millionen Kubikmeter neue Überschwemmungsflächen (Retentionsraum) gewonnen. Nach Angaben des Bayerischen Landtags wurden im gleichen Zeitraum 1.200 Kilometer Gewässer in Bayern renaturiert und nur rund 2.600 Hektar Auenfläche.

Bayern setzt weiterhin auf technischen Hochwasserschutz. Der Schwerpunkt der Umsetzung liegt derzeit auf dem “bayerischen Flutpolder-Konzept”, für das mit einer “Dialogreihe” entlang der Donau geworben wird. Begründet wird es mit dem nötigen Hochwasserschutz für Passau – dabei haben Fachleute schon lange ausgerechnet, dass es für Passau entscheidend ist, die gefährliche Überlagerung von Inn und Donau zu vermeiden. Dazu muss vor allem die durch den Flussausbau und Deichbau beschleunigte Hochwasserwelle der Donau wieder verlangsamt werden. Das wird durch Renaturierung, Deichrückverlegung und besseren natürlichen Rückhalt in der Landschaft erreicht, nicht jedoch durch Polder.

Das bayerische Flutpolder-Konzept ist ein auf Extrem-Hochwasserereignisse reduziertes technisches Konzept, das nichts an den Ursachen der Hochwasserprobleme ändern wird. Zwar werden derzeit auch die Potenziale von Auen für den Wasserrückhalt untersucht, und seit 2014 läuft zudem das Forschungsvorhaben “Dezentraler natürlicher Rückhalt in Bayern”, es fehlt jedoch eine Gesamtbetrachtung, wie sich eine Vielzahl von natürlichen Wasserrückhalte-Maßnahmen im Einzugsgebiet auf den Abfluss an größeren Flüssen auswirken und dort den Umfang technischer Maßnahmen (auch der Polder) reduzieren kann.


Positive Beispiele

Beispielhaft für die Reaktivierung natürlicher Wasserrückhalteräume sind die zum Teil schon durchgeführten Deichrückverlegungen an der Mittleren Isar. Der Auwald zwischen München und Freising hat 2005 das Hochwasser spürbar verzögert. Mit einer Deichrückverlegung gewinnen der natürliche Hochwasserschutz und die Aue, die auf den Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser angewiesen ist. Die natürliche Überflutung von Auen entschärft also die Hochwassergefahren für die Menschen und belebt die Lebensräume der Aue.

Ein Musterbeispiel für dezentralen Hochwasserschutz ist auch das BN-Talauenprojekt im Südlichen Steigerwald. Auslöser für das von Rudolf Kolerus, damals Vorsitzender der BN-Ortsgruppe Scheinfeld, initiierte Talauenprojekt waren die starken Hochwasser 1993 und 1995, die ganze Tallandschaften überfluteten, sowie gescheiterte Renaturierungsversuche. Es entwickelte sich ein landesweit einmaliges Gemeinschaftsprojekt von Kommunen, Amt für Ländliche Entwicklung Ansbach, Wasserwirtschaftsamt Ansbach, Landschaftspflegeverband Mittelfranken, Landwirt*innen und BN für dezentralen Hochwasserschutz, Renaturierung von Fließgewässern, sanften Tourismus und regionale Wirtschaftskreisläufe. Es wurde ein System von landschaftsangepassten Grünbecken angelegt, die die Gemeinden heute bei Starkregen vor Überschwemmungen schützen.