MenuBUND Naturschutz in Bayern e. V.

Lebensraumverlust und Landschaftszerschneidung – die Gefährdung von Amphibien nimmt zu

Die Lage ist ernst: Zehn der 19 heimischen Amphibienarten sind bedroht. Wälder und Äcker werden industriell genutzt, die Landschaften werden immer eintöniger, damit verschwinden die letzten Lebensräume unserer Amphibien. Außerdem kreuzen immer mehr Straßen die Amphibien-Wanderwege zwischen Sommer- und Winterquartieren.

Zwei Erdkröten überqueren eine Straße, aus dem Hintergrund droht sie ein Autoreifen zu überfahren.
Immer mehr Straßen kreuzen Amphibienwanderwege und gefährden Tiere wie diese paarungsbereiten Erdkröten. (Foto: Wolfgang Willner)

Nach Aussage der Zoologischen Gesellschaft in London könnte bis Mitte dieses Jahrhunderts die Hälfte der europäischen Frosch-, Kröten- und Molcharten ausgerottet sein. Deutschland stellt dabei leider keine Ausnahme dar: Etwa 50 Prozent der 20 in Deutschland lebenden Amphibienarten stehen aktuell auf der „Roten Liste der gefährdeten Arten“, in Bayern sind zehn von 19 Arten gefährdet. Besonders dramatische Rückgänge gab es in den letzten Jahren bei Gelbbauchunke, Kreuz- und Wechselkröte, der Geburtshelferkröte und in großen Landesteilen beim Laubfrosch. Auch einstmals häufige Arten wie der Teichmolch und der Grasfrosch mussten zuletzt auf die amtliche „Vorwarnliste“.

Die Gefährdung von Amphibien und ihr Verschwinden reißt ein empfindliches Loch in die natürliche Nahrungskette. Alle Lurche fressen Käfer, Spinnen, Würmer, sie sind aber auch wichtige Beutetiere für vielerlei Vögel, Reptilien und Säugetiere. So hat jede einzelne Art ihren Bedeutung im Ökosystem, ihr Aussterben bedeutet stets einen Verlust für unsere Heimat und Erlebniswelt.

Warum sind Amphibien gefährdet?

Die Gefährdung von Amphibien nimmt zu: Durch die Landwirtschaft, aber auch durch den Verlust von Feuchtgebieten und den Ausbau des Straßennetzes.
Die intensive Landwirtschaft bedroht das Leben von Amphibien unmittelbar, ob durch Gifteinsatz oder sonstige Störungen. (Foto: Wolfgang Jargstorff/Fotolia)

Was sind Gründe für die Gefährdung der Amphibien? Ganz einfach – und in Konsequenz um so komplizierter: Wir haben gerade in den letzten Jahrzehnten alle Lebensraumbestandteile der Amphibien massiv zu deren Nachteil verändert!

Trockengelegte Feuchtgebiete, Straßenbau und Ackergifte - es ist nicht abschätzbar, welcher Faktor die größten Auswirkungen hat: Die Industrialisierung unserer Landschaft inklusive der Gewässerauen? Der großflächige Einsatz von Dünge- und Spritzmitteln? Oder doch die Zerschneidung unserer Landschaft durch Verkehrswege?

Die ursprünglichen Lebensräume unserer Lurche sind Flüsse, Auen und Bäche. Gerade diese Refugien wurden jedoch in den letzten 50 Jahren so umfassend verändert, dass viele Amphibienarten hier nur noch wenig passende Lebensräume finden können:

  • Laichgewässer wurden vernichtet oder verschmutzt und viele Hektar wertvoller Auenflächen durch Hochwasserdämme und Uferverbauung trockengelegt.
  • Feuchte Wiesen wurden drainiert, Hecken, Raine und Säume abgeholzt und in einheitliche Ackerwüsten umgewandelt.
  • Auch der fortschreitende Flächenverbrauch durch Wohn- und Gewerbegebiete sowie die Zerschneidung der Landschaft durch Siedlungen und Straßen erschweren den Lurchen das Überleben.
  • Gerade die besonders hoch bedrohten Amphibienarten Kreuzkröte, Gelbbauchunke und Laubfrosch brauchen aber strukturreiche Landschaften, sie brauchen Randstrukturen und Unordnung wie Raine oder Pfützen, wilde Hecken, Brachestreifen, Altgrasflächen oder gestufte Waldränder, die sich selbst entwickeln können.

Wie hängen Amphibien und Landwirtschaft zusammen?

Viele der geschützten Arten Bayerns sind Kulturfolger: Zusammen mit den Menschen eroberten sie die entstandenen Offenlandflächen, wenn Wald gerodet wurde. Kleine Äcker, Grünwege, Windschutzhecken, Viehtriebwege – die Landschaft wurde früher nicht weniger intensiv, aber naturverträglicher genutzt.

Heute leben wir in einer anderen Welt – und trotzdem muss es gelingen, eine moderne Landwirtschaft mit Artenvielfalt zu verbinden! Das Wandern über Ackerwüsten ohne schützende Vegetation kann zum Tod durch Austrocknen führen. Amphibien finden dort wenig zu fressen, sind aber leichte Beute. Chemische Insekten- und Wildkrautvernichtungsmittel wirken zudem auf Amphibien bereits in weitaus geringeren Konzentrationen tödlich als früher angenommen.

Von einer naturverträglichen Landwirtschaft würden hochbedrohte Arten wie Kreuzkröte und Knoblauchkröte aber auch die anderen Amphibienarten profitieren. Fahrspuren im Acker, Raine und Brachen sind Leitlinien, Nahrungsräume und Versteckplätze, wenig genutzte Grünwege und Hecken Rückzugsräume.

Dichte Besiedelung gefährdet Amphibien

Die Karte vom LfU zeigt, dass es nur wenige größere Flächen ohne dichtes Straßennetz gibt. (Quelle: LfU)
Landschaftszerschneidung in Bayern: Größere Flächen (grün) ohne Straßen sind selten. (Quelle: LfU)

Aber auch die Wanderungen zu und von den Laichgewässern werden immer gefährlicher: Immer mehr Siedlungen und Gewerbegebiete zwingen die Amphibien zu lebensbedrohlichen Wanderungen durch Gärten oder über Parkplätze. Auf den Straßen sterben Tausende Frösche und Kröten.

In Bayern, einem der flächengrößten Bundesländer, gibt es nur 86 Flächen, die eine Größe von mehr als 100 Quadratkilometern ohne größere Straßen aufweisen! Die meisten dieser Flächen liegen auf nur 20 Prozent der Landesfläche (Alpen, Mittelgebirge an der östlichen Landesgrenze). Dies lässt erahnen, wie häufig unsere Amphibien auf gefährliche Straßen treffen. Grund genug für die Aktiven des BN, jedes Jahr Unmengen von Schutzzäunen an Bayerns Straßen aufzustellen und Amphibien heil über die Straße zu bringen. Sie retten so immerhin rund eine halbe Million Tiere während der jährlichen Amphibienwanderung vor dem Straßentod.

Unkrautvernichter sind Gift für Amphibien

Ein bisher oft unterschätztes Problem lauert direkt vor der eigenen Haustür:

In Dörfern und an Stadträndern geraten die Amphibien in Lichtschächte, ungesicherte Brunnenschächte oder Straßengullys. Hier verhungern oder vertrocknen sie, wenn sie nicht rechtzeitig entdeckt werden. Und auch in „gut gepflegten“ Hausgärten ergeht es vielen Amphibien schlecht.

Haus- und Kleingärtner hantieren immer noch eifrig mit der Giftspritze: Über 500 Tonnen Unkrautvernichtungsmittel verteilen sie in ihrem privaten Grün. Zugelassen sind im Amateurbereich durchaus auch solche Pestizide, die für Wasserlebewesen, Insekten und Amphibien hochgefährlich sind. Dazu gehören vor allem Produkte, die den Wirkstoff Glyphosat enthalten, wie etwa „Round-up“, „Vorox“, „Cleaner“ oder „Unkraut-Frei“. Das besondere Problem beim Gifteinsatz hinter der Gartenhecke ist, dass es keine behördliche Kontrolle gibt. Eine Überdosierung nach dem Motto „viel hilft viel“ kann fatale Folgen für die Umwelt haben. Amphibien beispielsweise reagieren besonders empfindlich auf Glyphosat: Ihre Embryonalentwicklung wird gestört, viele Kaulquappen sterben, selbst erwachsene Tiere finden beim direkten Hautkontakt den Tod.

Der BN fordert deshalb ein Verbot aller glyphosathaltigen Unkrautvernichtungsmittel.

Wie beeinflusst der Klimawandel Amphibien?

Es ist unbestritten: Wir erleben deutliche Veränderungen des Klimas – die Folgen für unsere Amphibien können wir nur ahnen. Die Winter werden immer milder, Frostperioden fielen in den letzten Jahren oft in die traditionelle Wanderzeit von Erdkröte und Grasfrosch. Oder das Frühjahr ist fast niederschlagsfrei – unter diesen Bedingungen wandern die Frühlaicher nicht zum Laichgewässer. Sie warten auf bessere Chancen im nächsten Jahr.

Vollkommen unerforscht sind die Auswirkungen auf den Nachwuchs. Waren die Kaulquappen der Frühlaicher Erdkröte und Grasfrosch schon gut angewachsen bevor die Spätlaicher wie Laubfrosch und Teichfrosch laichten, fallen die Laichzeiten der Arten immer häufiger zusammen. Wir wissen nicht, ob es eine Konkurrenz zwischen den Kaulquappen gibt. wir wissen auch nicht, ob das Fehlen der Kaulquappen gerade im zeitigen Frühjahr anderen Arten eine wichtige Nahrungsquelle nimmt.

Ausweichen, d.h. in andere, bessere Regionen wandern, können Amphibien nur begrenzt. Dies kann nur über viele Generationen erfolgen und nur dann, wenn die Vernetzung der Lebensräume sichere Wanderungen erlaubt.

Der Chytridpilz

Seit Ende der 1990er-Jahre haben Forscher eine weitere Bedrohung für Amphibien ausgemacht: den Chytridpilz (Batrachochytrium dendrobatidis). Der ursprünglich aus Afrika stammende Pilz wurde im vergangenen Jahrhundert über sogenannte Apothekerfrösche verbreitet, die für Schwangerschaftstests weltweit eingesetzt wurden: Der Urin – beziehungsweise die darin enthaltenen Schwangerschaftshormone – schwangerer Frauen löst bei den weiblichen Fröschen innerhalb von 24 Stunden eine Laichablage aus. Während Apothekerfrösche immun sind, befällt der Pilz bei anderen Amphibien die Haut und löst die häufig tödlich verlaufende Chytridiomykose-Krankheit aus. Seit den 1980er-Jahren gibt es in Mittel- und Südamerika sowie Australien regelrechte Epidemien, in Deutschland und Europa nahm der Befall in den vergangenen Jahren ebenfalls zu. Zur Verbreitung tragen hierzulande aber eher Wildfänge und Terrarienhaltung bei, Wissenschaftler forschen zu Heilungsmethoden, andere sehen jedoch auch eine mögliche Koexistenz zwischen Amphibien und Pilz.