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Warum wir Ackerwildkräuter besser schützen sollten

Früher blühten sie auf jedem Feld, heute sind sie nahezu verschwunden: Ackerwildkräuter mit wunderschönen Namen wie Flammen-Adonisröschen, Finkensame oder Venuskamm. Sechs gute Gründe, warum wir etwas dagegen unternehmen sollten.

Ackerwildkräuter sind Arten, die auf den Feldern zusammen mit Nutzpflanzen auftreten. Sie sind so eng an die Bearbeitung des Ackers und an die angebauten Feldfrüchte gebunden, dass sie verschwinden, wenn die Bewirtschaftung eingestellt wird. Von Beginn des Ackerbaus an bis nach dem Zweiten Weltkrieg bereicherten die blütenreichen Ackerwildkräuter auch die bäuerliche Landschaft in Deutschland. Sie lieferten Nahrung für Insekten und wohl auch Farbe und Duft für so manchen Blumenstrauß. Von den Bauern wurden sie weitgehend toleriert. Heute werden rund 350 verschiedene Arten zu den Ackerwildkräutern Mitteleuropas gezählt.

Zwei Drittel

der Ackerwildkräuter Bayerns sind gefährdet oder ausgestorben

In den 1950er- und 60er-Jahren wandelte sich das Bild dann allmählich. Größere und mehr Maschinen, Hochleistungs-Saatgut, chemische Dünger und Spritzmittel hielten Einzug in der Landwirtschaft. Der Ackerbau änderte sich innerhalb von Jahrzehnten drastisch und mit der extensiven Landwirtschaft verschwanden auch viele der bunten Ackerblumen. So sind heute zwei Drittel der in Bayern vorkommenden Ackerwildkrautarten gefährdet oder bereits ausgestorben. Andere – die Widerstandsfähigsten und Konkurrenzstärksten unter ihnen – passten sich an die neuen Gegebenheiten an, vermehrten sich übermäßig und wurden so auch zum Problem für den Landwirt. Dazu zählen beispielsweise Gewöhnliche Vogelmiere, Acker-Kratzdistel oder Huflattich.

Ackerwildkräuter: Selten schön!

Heute zeigt die Auswertung zahlreicher Roter Listen, dass die Pflanzen unserer Äcker, Gärten und Weinberge zu den am stärksten gefährdeten Arten gehören. Mehr als ein Drittel der Ackerwildkräuter sind bundesweit gefährdet oder bereits ausgestorben; mehr als die Hälfte sind in mindestens einem Bundesland gefährdet. Damit stellen sie die Pflanzengruppe mit dem größten Anteil an gefährdeten Arten in Deutschland dar. Für den globalen Erhalt von 25 Ackerwildkräutern hat Deutschland eine große oder sehr große Verantwortung; darunter sind beispielsweise die vom Aussterben bedrohte Dicke Trespe und das konkurrenzschwache Acker-Leinkraut.


Sechs gute Gründe, Ackerwildkräuter zu schützen

Sehr viele Tierarten sind direkt oder indirekt auf Ackerwildkräuter angewiesen. So dienen Pollen, Nektar und Samen als Nahrung für pflanzenfressende oder nektarsaugende Insekten (z. B. Honigbiene, Mohnbiene) und Vögel (z. B. Feldlerche, Wachtel). Außerdem beschatten Ackerwildkräuter den Boden und verhindern damit, dass er austrocknet. Damit schaffen sie ein günstiges Mikroklima, das optimale Bedingungen für Bodenorganismen (z. B. Bakterien, Flechten, Fadenwürmer, Geißeltierchen) und nah am Boden lebende Insekten, wie Spinnen, Asseln und Käfer sowie viele Insektenlarven bietet.

In „leergespritzten“ Getreidefeldern gibt es für all diese Tiere kein Überleben. So belegen Studien heute einen dramatischen Schwund an Insekten. Das wirkt sich auch auf jene Arten aus, die von ihnen leben. Mittlerweile finden sich sieben Millionen Vögel (Brutpaare) weniger auf deutschen Äckern als früher.

Die Biodiversitätsforschung zeigt, dass wichtige Ökosystemfunktionen in Agrarökosystemen auch von der Vielfalt an Ackerwildkräutern abhängen. So reduzieren Ackerwildkräuter mit ihrem dichten Wurzelsystem die Bodenerosion, sie regulieren das Mikroklima, fixieren Luftstickstoff und fördern die Vielfalt an Bodenorganismen und damit letztlich die Bodenfruchtbarkeit.

Auch für die biologische Schädlingsbekämpfung ist die Vielfalt an Ackerwildkräutern wichtig: So leben an den 100 häufigsten Wildpflanzenarten der Äcker etwa 1200 pflanzenfressende Tierarten (ohne Blütenbesucher). Diese „Nützlinge“ halten so auch die Populationen von „Schadorganismen“ in Schach.

In ansonsten ausgeräumten Agrarlandschaften bietet die Ackerwildkrautflora außerdem Lebensraum und Nahrung für Feldvögel wie das Rebhuhn und stellt zudem oft das einzige Blütenangebot für Insekten dar.
Ackerwildkräuter konkurrieren auch untereinander um Ressourcen: Je vielfältiger eine Ackerwildkrautgesellschaft, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte „Problemunkräuter“ dominant werden.

Für den Landwirt sind Ackerwildkrautgesellschaften auch sehr nützlich zur Standortbeurteilung. Die Artenzusammensetzung verrät ihm beispielsweise etwas darüber, ob es sich um trockenen oder feuchten, sehr fruchtbaren oder mageren Boden handelt. Ackerwildkräuter sind außerdem wichtige Forschungsobjekte, etwa für die pharmazeutische und genetische Forschung.

Jedes Ackerwildkraut kann als potenzielle Ressource von wirtschaftlichem Interesse sein. In Jahrtausende langer, unbeabsichtigter Auslese wurden beispielsweise Roggen und Hafer – als Nahrungsmittel entdeckt und gezielt weitergezüchtet. Ursprünglich waren sie nichts anderes als „Begleitflora“ des angebauten Weizens, also „Unkraut“.

Zahlreiche andere Arten, die heute „Unkräuter“ genannt werden, wurden früher kultiviert und für die Herstellung von Heilmitteln, Textilien und Nahrungsmitteln verwendet. Viele Ackerwildkräuter besitzen außerdem chemisch oder pharmakologisch interessante Inhaltsstoffe; einige Arten werden als Zierpflanzen genutzt.

Für die Züchtung von Nahrungspflanzen ist es wichtig, die „wilden“ Verwandten zu erhalten, so zum Beispiel den Acker-Senf oder die Wilde Möhre, die im Gegensatz zu manchen Zuchtsorten bestimmte Merkmale wie Schädlingsresistenz und klimatische Anpassungsfähigkeit noch nicht verloren haben. Auch aus Verantwortung gegenüber künftigen Generationen, deren Ansprüche nicht vorhersagbar sind, ist der genetische Reichtum der Erde zu bewahren, weshalb das Aussterben von Arten nicht zugelassen werden darf.

Ackerwildkräuter sind der Schmuck von Äckern und Landschaft. Sie sind durch die Arbeit vieler Bauerngenerationen entstanden. Blühende Felder steigern den Erholungswert der Landschaft und prägen so etwas wie Heimatgefühl. Die traditionelle mitteleuropäische Kulturlandschaft in ihrer Verbindung aus Produktion, Artenvielfalt und ästhetischem Reiz ist etwas Einmaliges auf der Welt.

Damit auch künftige Generationen dies erleben können, muss die Kulturlandschaft mit ihrer charakteristischen Ackerwildkrautflora als ein Zeugnis menschlicher Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte erhalten werden.

Laut Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) sind „zur dauerhaften Sicherung der biologischen Vielfalt […] lebensfähige Populationen wild lebender Tiere und Pflanzen einschließlich ihrer Lebensstätten zu erhalten“. Dies schließt Äcker und Ackerwildkräuter mit ein.

Warum wachsen Ackerwildkräuter nicht anderswo?

Ackerwildkräuter sind Pflanzen, die auf offene Bodenstellen zur Keimung angewiesen sind. Auf Äckern finden sie diese. Die Ackerwildkrautflora ist damit sehr von der menschlichen Bewirtschaftung abhängig. Sie braucht in der Regel das jährliche „Ackern“ (Bodenumbruch). Wird die Bewirtschaftung des Ackers eingestellt, werden die Ackerwildkräuter meist durch mehrjährige Arten wie Gräser verdrängt.

Muss der Landwirt Ackerwildkräuter bekämpfen?

Ackerwildkräuter werden oftmals bekämpft, weil sie mit den angebauten Pflanzen um Nährstoffe, Licht und Wasser konkurrieren. Dabei sind die meisten Ackerwildkräuter nicht wirklich eine Gefahr für die Kulturpflanzen. Sie sind vorwiegend niedrigwüchsig und können sich oft nur auf nährstoffärmeren Standorten durchsetzen. Nur etwa 20 der 350 in Mitteleuropa vorkommenden Arten können dem Landwirt das Leben wirklich schwer machen und nennenswerte Ertragseinbußen verursachen.

20 von 350

Ackerwildkräutern können problematisch sein

Außerdem: Ackerwildkräuter regulieren sich bei entsprechender Vielfalt der Arten auch untereinander, weil sie dann um Ressourcen konkurrieren. Je vielfältiger eine Ackerwildkrautgesellschaft, desto geringer ist also die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte „Problemunkräuter“ überhand nehmen.


Ackerwildkräuter-Wettbewerb: Blütenpracht im Acker

Rittersporn, Kornrade und Lämmersalat sollen wieder Teil unserer Landschaft werden. Dafür will auch der Wettbewerb „Blütenpracht im Acker“ sorgen, den der BUND Naturschutz gemeinsam mit dem Deutschen Verband für Landschaftspflege (DVL), der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) und dem Öko-Anbauverband Bioland veranstaltet. Prämiert werden Äcker, auf denen zwischen der Feldfrucht auch noch seltene Ackerwildkräuter wachsen.

2020 bewarben sich aus den verschiedenen Landkreisen Oberfrankens 27 landwirtschaftliche Betriebe für den Wettbewerb, darunter 23 ökologisch und vier konventionell wirtschaftende Betriebe.

Sieger bei den Biobauern wurde Markus Haslbeck. Auf seinem Winterweizenacker in Götzendorf im Landkreis Forchheim fand die Jury 27 verschiedene Ackerwildkräuter, acht davon waren gefährdete Arten wie der Ackerkohl, die Acker-Haftdolde und der Blaue Gauchheil.

Den ersten Preis in der Kategorie konventionell wirtschaftende Betriebe erhielt Lothar Teuchgräber aus Bad Staffelstein im Landkreis Lichtenfels. Auf seinem Triticale-Acker wachsen 28 verschiedene Ackerwildkrautarten, darunter das gefährdete Sommer-Adonisröschen, der Acker-Rittersporn und die Ackerröte. Insgesamt fand die Jury auf den besuchten Äckern bis zu 33 Ackerwildkrautarten – ein schöner Erfolg!

Der Wettbewerb wird gefördert vom Bayerischen Naturschutzfonds aus Mitteln der GlücksSpirale, von der Regierung von Oberfranken aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz und vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.


Gute Ideen: Was den schönen Wilden nützt

  • Schutzäcker/Feldflorareservate sind Ackerflächen, die dem Schutz seltener und stark gefährdeter Ackerwildkräuter dienen. Sie müssen in besonderer Weise (keine chemischen Spritzmittel, wenig Düngung) bewirtschaftet werden.
  • Schauäcker: Unter diesem Begriff können kleine Ackerflächen zusammengefasst und darauf standorttypische Ackerwildpflanzen zum Beispiel mit alten Kulturpflanzen wie Emmer, Dinkel, Buchweizen oder Lein zur Demonstration angesät und historische Anbau- und Erntemethoden praktiziert werden, etwa in Bauernhofmuseen.
  • Ackerrandstreifen-Programme: Bei diesem Vertragsnaturschutz-Programm darf der Bauer an den Ackerrändern keine chemischen Spritzmittel einsetzen, damit dort wieder Ackerwildkräuter wachsen können. Weil dadurch seine Ernte eventuell kleiner ausfällt, bekommt er einen finanziellen Ausgleich.
  • Extensivierungsprogramme: Auch auf bereits verarmten Äckern können wieder vielerlei Ackerwildkräuter wachsen. Wenn noch genügend Samen im Boden vorhanden sind, reichen möglicherweise schon einige Jahre mit schonender Bewirtschaftung und ohne chemische Spritzmittel.
  • Ökologischer Landbau: Der ökologische Landbau bietet gefährdeten Ackerwildkräutern günstige Bedingungen, da keine Pflanzenvernichtungsmittel (Herbizide) und synthetischen Stickstoffdünger eingesetzt werden und meist von Jahr zu Jahr wechselnde Feldfrüchte auf den Äckern angebaut werden (Fruchtfolge).Trotz mechanischer Bearbeitung, wie etwa Striegeln, bleibt ein Grundinventar an nicht störenden Wildkrautarten im Acker.
  • Stilllegungsflächen: Auf erst kürzlich stillgelegten Flächen (Ackerbrachen) wachsen häufig ansehnliche Ackerwildkrautbestände. Welche Arten auftreten, hängt von den Standortbedingungen, dem noch vorhandenen Samenvorrat im Boden, dem Zeitpunkt der Stilllegung und der Lage benachbarter „samenliefernder“ Pflanzenbestände ab.
  • Wiederansiedlung von gefährdeten Arten auf Biobetrieben: Trotz der günstigen Bedingungen im Ökolandbau kommen seltene Arten auf vielen Bioäckern nicht mehr vor, weil die Felder vorher bereits lange konventionell bewirtschaftet und mit chemischen Spritzmitteln behandelt wurden. In Wiederansiedlungsprojekten wird gebietsheimisches Saatgut seltener und gefährdeter Arten auf Biofelder übertragen.

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