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Waldfreundliche Jagd – Gute Beispiele
Mehr denn je ist in der Klimakrise ein Wald wichtig, der sich natürlich, ohne Zaun und in einer vielfältigen Mischung von Baumarten verjüngen kann. Das ist nur mit einer waldgerechten Jagd möglich. Unsere Beispiele zeigen, wie es gehen kann.
Höhere Abschusszahlen helfen Wald und Wild
Eine vorübergehende, massive Erhöhung des Rehabschusses führt dazu, dass junge Bäumchen aller Baumarten (Verjüngung) wieder ohne schützenden Zaun heranwachsen können. Auch der Lebensraum der Rehe verbessert sich, weil Überpopulation beendet wird.
Strategie funktioniert nur mit Waldbesitzer*innen
Für so eine Vorgehensweise müssen die Waldbesitzer*innen ins Boot geholt werden. Sie müssen die Jagdpächter*innen auffordern, entsprechend hohe Abschüsse zu erfüllen beziehungsweise ihr Jagdflächen nur an Jäger*innen zu verpachten, die den Leitsatz “Wald vor Wild" berücksichtigen.
Klimastabilere Mischwälder aufbauen
In der Klimakrise leiden Nadelwälder überdurchschnittlich unter Trockenheit, Hitze, Stürmen und Massenvermehrungen von Borkenkäfern. Deshalb ist es äußerst wichtig, stabile Mischwälder unter labilen Kiefern- oder Fichtenbeständen heranzuziehen.
Wald vor Wild lohnt sich für Waldbesitzer*innen
Für Waldbesitzer*innen ist die Strategie “Wald vor Wild” lohnend. Pflanzkosten werden bezuschusst, teure Zäune unnötig und es wachsen wertvolle Mischwälder heran.
Beispiel 1: Jagdgenossenschaft Kay

Seit die Waldbesitzerinnen der Jagdgenossenschaft Kay selbst jagen, können nach massiver Erhöhung der Abschüsse alle Baumarten ohne Zaun aufwachsen. Bis Anfang der 1990er-Jahre wurde die Waldverjüngung rund um den Gemeindeteil Kay der oberbayerischen Stadt Tittmoning massiv verbissen. Daraufhin nahm die dortige Jagdgenossenschaft die Organisation der Jagd selbst in die Hand und führte die Eigenbewirtschaftung ein. Die Abschüsse wurden massiv erhöht und parallel nach und nach die Zäune abgebaut, ohne die zuvor keine Naturverjüngung (Aufwuchs jünger Bäume) möglich war. In der Folge war eine üppige Verjüngung aller Baumarten zu beobachten: Die Waldbesitzer*innen können seitdem mit allen Baumarten arbeiten, die Waldwirtschaft wird nicht länger durch lästige Zäune behindert. Nicht zuletzt hat sich der Lebensraum für Rehe stark verbessert und vergrößert.
Beispiel 2: Wälder im Landkreis Miesbach

Der Wildverbiss im oberbayerischen Landkreis Miesbach war lange Zeit katastrophal: Tanne, Buche und Edellaubhölzer (z. B. Ahorn, Esche, Ulme) hatten im Landkreis Miesbach lange keinerlei Verjüngungschance, da sie bereits als Sämlinge abgefressen wurden. Selbst die sonst vom Wild verschmähte Fichte musste gepflanzt und anschließend deren Gipfelknospe jahrelang mit Baumteer oder Kalk gegen Wildverbiss geschützt werden. Auch die Strategie, mit kilometerlangen Wildzäunen den Verbiss an Aufforstungen (Neupflanzungen) auszuschließen, scheiterte letztendlich daran, dass die Einzäunungen nicht dauerhaft wilddicht gehalten werden konnten und sich in den Zäunen häufig mehr Rehe aufhielten als außerhalb.
Mit den Waldbesitzer*innen im Boot und neuen Jagdpachtverträgen, die eine drastische Reduzierung des Schalenwilds (z. B. Rehe, Rotwild) vorgaben, gelang die Trendwende: Treibende Kraft war damals Hans Kornprobst, der ab 1975 am damaligen Bayerischen Forstamt Schliersee auf etwa 15.000 Hektar Privatwald und circa 11.000 Hektar Staatswald für die waldbauliche Steuerung zuständig war. Den Waldbesitzer*innen, vertreten durch die Jagdgenossenschaften, wurde nachdrücklich in Erinnerung gebracht, dass es an ihnen als Inhaber*innen des Jagdrechts liegt, den Schalenwildbestand auf ein waldverträgliches Maß zu bringen, sodass sich alle einheimischen Baumarten ungeschützt verjüngen können. Fortan wurde der Grundsatz geprägt: „Eine Jagd ist dann am besten verpachtet, wenn keine Wildschäden auftreten.“ Außerdem wurde das sogenannte „Revierweise Gutachten“ – heute „Revierweise Aussagen“ – entwickelt: Die Forstämter unterrichten die Jagdgenossenschaften und -Pächter*innen jährlich über den Zustand der Naturverjüngung und des Wildschadens.
Flächige Tannenverjüngung in Privat- und Staatswäldern
Seit gut 30 Jahren trägt dieser Kurswechsel Früchte. Die Revierweisen Aussagen werden nach wie vor in den Forstrevieren alljährlich erstellt. Nachdem sie jahrelang bayernweit als zu arbeitsaufwendig dargestellt wurden, hat der vormalige Landwirtschaftsminister Helmut Brunner auf eine gemeinsame Initiative von BN, Ökologischem Jagdverband (ÖJV) und Arbeitsgemeinschaft naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) sie wohl gegen den Willen der eigenen Forstverwaltung eingeführt.
Im Landkreis Miesbach sind heute flächige Tannennaturverjüngungen in vielen Privatwäldern zu bewundern – selbst unter Fichtenreinbeständen. Der BN hat die verantwortlichen Forstleute Hans Kornprobst als ehemaligen Forstamtsleiter bereits 2003, sowie die Revierleiter Robert Wiechmann, Gerhard Waas und Peter Lechner 2016 mit der Karl Gayer-Medaille geehrt.
Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass es im Landkreis Miesbach vor allem noch Hochwildreviere (z. B. Reviere mit Rotwild) gibt, in denen die Tanne auch heute noch keine Chance zur Verjüngung hat. Dort wird partiell bis heute die Stabilität des Gebirgswalds einem hohen Jagdpachtzins geopfert.
Beispiel 3: Zukunftswaldprojekt Rohr

In Roth bauen Waldbesitzer*innen, Jäger*innen und Förster*innen gemeinsam unter reinen Kiefernwäldern einen klimastabileren Mischwald auf: Der nördliche Landkreis Roth ist von reinen Kiefernwäldern geprägt, die in Zeiten der Klimakrise unter Druck geraten, wie auch die Fichtenwälder andernorts. Die Nadelwälder leiden überdurchschnittlich unter Trockenheit, Hitze, Stürmen und Massenvermehrungen von Borkenkäfern. In und um Rohr haben deshalb private Waldbesitzer*innen, Jäger*innen und Förster*innen gemeinsam angepackt und in mittlerweile über einem Dutzend Projektgebieten weit über eine Million Buchen in vormals reine Kiefernwälder gepflanzt. Zusammen mit reichlich ankommender Eichen-Naturverjüngung (aus Eichelhäher-Saat) sowie anderen Baumarten sollen daraus Mischwälder entstehen, die besser mit der Klimaerwärmung zurechtkommen.
Begleitet wird das ganze von einem höheren Rehabschuss: Damit die kleinen Buchen auch ohne teuren Zaun nicht gleich wieder vom Wild aufgefressen wurden, musste allerdings erst einmal das Jagdkonzept angepasst werden. Die verantwortlichen Jäger*innen schossen in den betroffenen Projektgebieten mehr Rehe ab, damit die Pflanzungen weitestgehend ohne Zaunschutz hochwachsen konnten.
Großes Engagement der Jäger*innen
Großes Engagement der Jäger*innen und ein gutes Verhältnis zu den Waldbesitzer*innen ist die Voraussetzung für ein derartiges Projekt: Ralf Straußberger, Waldreferent des BN und einer der verantwortlichen Jäger*innen in den Projektgebieten, betont, dass die Jäger*innen große Anstrengungen unternehmen mussten, um den Rehbestand so anzupassen, dass die Buchenpflanzung, und vor allem die Eichen-Naturverjüngung ohne gravierenden Verbiss aufwachsen konnten. Entscheidend sind dabei vor allem zwei Dinge: Erstens müssen die Waldbesitzer*innen sensibilisiert werden, damit sie Naturverjüngung und gegebenenfalls Pflanzungen klimaresilienter Baumarten in ihren Wäldern umsetzen wollen. Zweitens müssen die verantwortlichen Jäger*innen dafür gewonnen werden, die Abschüsse so anzupassen und eventuell zu erhöhen, dass die Waldverjüngung auch flächig ohne Schutzmaßnahmen hochwachsen kann.
Konkret bedeutet das für die Jagd:
- Abkehr von der trophäenorientierten Jagd hin zu einer waldfreundlichen Jagd mit gelungener Waldverjüngung als „Trophäe“
- Abkehr von hohen Wildbeständen hin zu angepassten Wildbeständen, die das Aufwachsen aller heimischen Baumarten ohne Schutzmaßnahmen ermöglichen
- Abkehr von niedrigen Abschusszahlen in Jagdrevieren mit zu hoher Verbissbelastung hin zu in der Regel deutlichen Abschusserhöhungen, je nach Ausgangslage um den Faktor zwei bis drei
- Abkehr von einer Jagd, die nur am Waldrand stattfindet, hin zu einer „Waldjagd“, bei der auch Rehe erlegt werden, die tief im Wald leben
- Abkehr von einer reinen Hochsitz-Einzeljagd, hin zu einer Kombination verschiedener Jagdmethoden (auch Pirschjagd, Drückjagd, Gemeinschaftsansitz)
Das größte Waldumbauprojekt im bayerischen Privatwald hat sich mittlerweile zum Vorzeigeprojekt gemausert. Das Interesse bei Waldbesitzer*innen und Förster*innen ist groß, weil es in vielen Privatwäldern nach wie vor große Schwierigkeiten bereitet, Anpflanzungen oder Naturverjüngung ohne Schutz aufzuziehen.
Finanziell lohnend
Für Waldbesitzer*innen ist ein Projekt wie in Roth in vielerlei Hinsicht auch finanziell interessant: Sie sparen sich teure Zäune, können trotzdem in Zeiten des Klimawandels auf einen stabilen und wertvollen Waldbestand mit entsprechenden Holzerlösen hoffen und zudem werden die Pflanzkosten im Rahmen der staatlichen Initiative „Zukunftswald“ bezuschusst.




