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Fehlprognosen beim Stromverbrauch

In den 70er Jahren wurden vollkommen überzogene Prognosen zum Stromverbrauch erstellt. Die Folge waren gigantische Überkapazitäten bei den Kraftwerken, die Stromsparen und alternative Energien verhinderten. 

Angesichts einer Überkapazität von 46 Prozent durfte es weder irgendeine Energiesparpolitik, noch eine Förderung regenerativer Stromerzeugung geben (Foto: Gosch/fotolia.com).

In der Nachkriegszeit war die Stromversorgung in Deutschland eine wacklige Sache. Der Ausbau der Kraftwerke konnte mit dem stark steigenden Stromverbrauch kaum Schritt halten. Immer wieder drohte ein Black Out. Im Jahr 1971 allerdings kam die Wende, der Flaschenhals war überwunden. Denn von nun an stieg die Kraftwerkskapazität schneller als die Nachfrage. Der forcierte Kraftwerksbau aus den späten 60 er Jahren zeigte seine Wirkung. Hingegen wurde die Zuwachsrate beim Stromverbrauch sogar immer geringer. 

Von 1972 bis 1976 gingen weitere 29 000 Megawatt (MW) ans Netz, während die Spitzenlast, also die maximale Stromabnahme, lediglich um 8 000 MW anstieg. Das Stromangebot überholte die Stromnachfrage mit 3,5-facher Geschwindigkeit. Nun musste in Deutschland niemand mehr Angst vor einer Stromlücke haben. 

Just zu diesem Zeitpunkt jedoch erfolgte die "2. Fortschreibung des Energieprogramms der Bundesregierung". Unterstützt von drei führenden Wirtschaftsforschungsinstituten. Und begleitet von schrillen Warnrufen der Industrie und der Stromwirtschaft. "Wenn wir nicht massiv weitere Kraftwerke bauen, geht demnächst der Strom aus!" Die Konzerne Veba und RWE prognostizierten für die kommenden zehn Jahre einen Zuwachs beim Stromverbrauch von sechs bis sieben Prozent. Pro Jahr, wohlgemerkt. Dabei waren die Zuwächse bereits Anfang der 70er Jahre gerade noch halb so hoch. 

Wenn die Verbraucher sich nicht an die Stromprognosen halten

Die Bundesregierung interessierte sich jedoch nicht für die tatsächliche Entwicklung sondern folgte den Prognosen der Konzerne. "Von 1975 bis 1985 würde der Stromverbrauch in Deutschland um jährlich 6 Prozent anwachsen", stand deshalb in der Fortschreibung des Energiebereichts der Bundesregierung. Ab 1986 läge dann die jährliche Steigerung "nur" noch bei 5,7 Prozent.

Tatsächlich stieg der Verbrauch in Deutschland zwischen 1975 und 1980 nur noch um vier Prozent pro Jahr. Von 81 bis 85 um jährlich zwei Prozent und von 85 bis 90 um lediglich noch 0.6 Prozent. In der Gesamtsumme heißt dies: Der Stromverbrauch hätte sich, gemäß den Prognosen von 1973, mit 310 TerraWattStunden (Twh) im Jahr 1983 auf 610 Twh steigern sollen. Selbst 2016, also 33 Jahre später, und trotz 17 Millionen zusätzlicher Bürger aus der Ex-DDR, lag er mit 516 TWh immer noch meilenweit unter dem Prognosewert von 1983. 

Die Folgen der falschen Prognosen

In diesen Jahren wurden riesige Kraftwerkskapazitäten erstellt. Und die Bundesregierung erklärte darüberhinaus, "schwerwiegende Folgen für die Energieversorgung wären unvermeidlich", würde man nicht bis 1985 weitere 50 000 MW (!) Atomstrom installieren. Dies hätte etwa 38 zusätzliche AKW bedeutet – eine Irrsinns-Planung, die durch die immer stärker werdende atomkritische Bewegung wenigstens weitgehend gestoppt werden konnte.

Dennoch stand 1985 in Deutschland einer Jahreshöchstlast von 59 000 MW eine Kpazität von 86 000 MW gegenüber. Eine als teure "Reserve" kaschierte Überkapazität von 46 Prozent – die vergleichbare Industrienation Japan kam gleichzeitig mit einer Reserve von acht Prozent problemlos zurecht. Angesichts derartiger Überkapazitäten durfte es natürlich weder irgendeine Energiesparpolitik, noch eine Förderung regenerativer Stromerzeugung geben. Im Gegenteil, es wurden Stromheizungen subventioniert und Verschwendungskampagnen unter dem Titel "Strom ist Leben" geführt. 

Politische Bedeutung

Wie ist es möglich, dass derartig gegen die vorliegenden Fakten gehandelt werden konnte? Wurden diese gigantischen Fehlprognosen von unqualifizierten Instituten oder unfähigen Beamten erstellt? Mitnichten. Sie stammten von den führenden Wirtschaftsforschngsinstituten sowie den energiewirtschaftlichen Fachabteilungen des Wirtschaftsministeriums.  Das extreme Ausmaß der Fehler lässt sich wohl nur durch massiven Lobbyeinfluss erklären. Es fällt schwer zu glauben, dass hierbei "nur" Psychodruck und nicht auch finanzielle Zuwendungen zum Tragen kamen. 

Warum aber haben die Parlamentarier keinen Verdacht geschöpft? Denkbar wäre, dass deren Erfahrungen mit Stromknappheit in den 50er und 60er Jahren die Wahrnehmung so stark geprägt hatten, dass sie auch nach Durchlaufen des "Flaschenhalses" für sie immer noch das "Viel hilft viel" gegolten hatte. Prognosen, die in diesem Sinne weiter liefen, wurden deshalb offensichtlich von niemandem mehr überprüft. Auch wenn eine halbe Stunde genügt hätte, um die sich abflachende Verbrauchskurve mit den exponentiell steigenden Prognosen zu vergleichen und somit den Aberwitz aufzudecken. 

Fazit

So jedoch wurden zig Milliarden in die fossilen und atomaren Erzeugungsanlagen gesteckt und standen damit für regenerative Erzeugung nicht mehr zur Verfügung. Erst als die Ökologiebewegung und die Grünen als ihr parlamentarischer Arm in den 80er Jahren immer stärker wurden, konnte dieser Prognoseschwindel systematisch entlarvt werden. Ein Zeichen auch dafür, wie wichtig es ist, in der Alternativbewegung den entsprechenden Sachverstand einzubringen. Dass die rot-grüne Koalition im Jahr 2000 dann den Atomausstieg und das Erneuerbare Energien Gesetz auf den Weg brachten, zeigt, dass außerparlamentarische Initiativen und Parteien auf fruchtbare Weise zusammenarbeiten können und müssen - siehe auch Fehlprognosen beim LKW-Verkehr