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Stadtnatur und Gesundheit: Was Bäume und Grünflächen für uns tun

Bäume, Parks und Grünflächen in Städten haben zahlreiche positive Effekte für uns Menschen: Sie reinigen die Luft und kühlen die heiße Stadt im Sommer ab; sie senken nachweislich Stress und das Risiko für Herz-Kreislauf- ebenso wie für seelische Erkrankungen. Besonders einkommensschwache Bevölkerungsgruppen profitieren von der Stadtnatur. Der BUND Naturschutz fordert deshalb mehr Grün in der Stadt.

10-15 %

weniger Luftverschmutzung durch Stadtgrün

bis zu 15° C

kühlere Sommernächte dank Bäumen

- 25 %

Herzinfarkte in stark begrünten Vierteln

-15,8 %

Stresshormon Cortisol nach Spaziergang im Wald

Tausende

gerettete Leben pro Jahr durch Stadtnatur

- 18 %

Angststörungen bei Naturkontakt im Kindesalter

Stadtnatur fördert Gesundheit

Die Faktenlage ist eindeutig: Natur in der Stadt – ob einzelner Straßenbaum, kleine Grünfläche oder großer Park – wirkt sich messbar positiv auf körperliche Gesundheit, seelisches Wohlbefinden, Bewegung, Aufmerksamkeit und sozialen Zusammenhalt aus. 

Stadtnatur wirkt sozialer Ungleichheit entgegen

Der Unterschied zwischen armen und reichen Menschen war bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen in wenig begrünten Gebieten besonders groß, während er in grünen Umgebungen deutlich geringer ausfiel. Daher ist Stadtnatur kein Luxus, sondern eine besonders wirksame und kostengünstige Maßnahme für mehr gesundheitliche Gerechtigkeit.

Stadtnatur als Grundlage der Stadtplanung

Für den BUND Naturschutz ist deshalb klar: Stadtnatur, allen voran Bäume, gehört als integraler Bestandteil in jede Stadtplanung – nicht als schmückendes Beiwerk, sondern als Grundlage für die Gesundheit aller.

Warum das Thema so wichtig ist

Weltweit lebt heute etwa die Hälfte der Menschen in Städten, bis 2050 werden es mehr als 70 Prozent sein. In Europa sind es bereits 73 Prozent. Gleichzeitig verbringen wir – besonders Kinder – immer weniger Zeit im Freien: 1971 gingen noch 80 Prozent der Sieben- bis Achtjährigen zu Fuß zur Schule, 20 Jahre später nur noch 10 Prozent. Spielten früher fast die Hälfte aller Kinder regelmäßig draußen, sind es heute nur noch etwa zehn Prozent.

Städte selbst sind dabei ein Gesundheitsrisiko: Stadtbewohner erkranken mit 20 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit an Angststörungen und mit fast 40 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit an Depressionen als Menschen auf dem Land. Wer in der Stadt geboren und aufgewachsen ist, hat sogar ein doppelt so hohes Risiko, an Schizophrenie zu erkranken. 

Genau hier setzt Stadtnatur an.


Stadtklima, Luft und Lärm

Das Stadtklima profitiert erheblich von Grünflächen: bei Temperatur, Luft und Lärm.

Hitze

  • Städte sind im Schnitt 2 °C wärmer als das unbebaute Umland – in Sommernächten bis zu 15 °C.
  • Die Hitzewelle 2003 forderte europaweit rund 70.000 zusätzliche Todesfälle.
  • In Berlin stehen heute 4 - 5 % aller Sommer-Sterbefälle mit Hitze in Zusammenhang.
  • Bäume kühlen durch Schatten und Verdunstung – der Effekt reicht bis zu 300 Meter in die bebaute Umgebung.

Luftqualität

  • Luftverschmutzung fordert europaweit jährlich rund 35.000 vorzeitige Todesfälle.
  • Stadtgrün senkt die Luftverschmutzung um 10 - 15 Prozent.

Lärm

  • Baumkronen absorbieren und streuen Schall.
  • Wasser kann störende Geräusche überdecken.
  • Begrünung wirkt beruhigender als Beton und Asphalt.

Fazit: Zusammengenommen könnte Stadtnatur europaweit jährlich einige zehntausend Menschenleben retten.


Wie wirkt Naturerleben auf Körper und Geist?

Eine japanische Studie ließ Versuchspersonen jeweils eine Viertelstunde im Wald oder in der Stadt verbringen. Insgesamt nahmen 280 Probanden in 24 bewaldeten Gebieten Japans teil. Jeweils sechs männliche Studenten im Alter von etwa 21 Jahren hielten sich etwa 15 Minuten im Wald auf oder liefen durch eine Stadt. Am Folgetag wechselten sie die Umgebung. Vor und nach dem Aufenthalt wurden unter anderem Puls, Blutdruck, Pulsvariabilität und das Stresshormon Cortisol im Speichel gemessen. Auch die Stimmung wurde erfasst.

- 13,4 % Stress

durch Betrachten eines Waldes

-15,8 % Stress

durch Gehen im Wald

Ergebnis: Der Aufenthalt im Wald senkte im Vergleich zur Stadt Puls, Blutdruck und Cortisol-Konzentration. 

  • Bereits das Betrachten des Waldes reduzierte die Stresshormon-Konzentration signifikant um 13,4 Prozent, das Wandern im Wald sogar um 15,8 Prozent. 
  • Gleichzeitig verbesserten sich Entspannung, Regeneration, Immunabwehr und Stimmung. Dieses Phänomen wird auch als "Waldbaden" (japanisch: *Shinrin-yoku*) bezeichnet.

Die Studie zeigt damit unmittelbare positive Wirkungen von Naturerleben, die sowohl anhand objektiv messbarer Größen wie Blutdruck, Puls und Stresshormonen als auch anhand psychologischer Parameter wie Anspannung, Wohlbefinden und Emotionen nachweisbar sind.

Natur wirkt jahrzehntelang

Wer als Kind viel in der Natur war, ist noch Jahrzehnte später gesünder und fühlt sich wohler.

Zwei große Langzeitstudien aus den USA und Großbritannien untersuchten ehemalige Pfadfinder, die als Kinder viel Zeit in der Natur verbracht hatten.

  • In den USA hatten ehemalige Pfadfinder noch 30 Jahre später ein höheres soziales, emotionales und körperliches Wohlbefinden – abhängig davon, wie lange sie dabei gewesen waren.
  • In Großbritannien wurden fast 17.500 im Jahr 1958 geborene Menschen bis zu ihrem 50. Lebensjahr begleitet. Wer als Kind bei den Pfadfindern war, hatte im Alter von 50 Jahren eine bessere seelische Gesundheit und ein um 18 Prozent geringeres Risiko für Angsterkrankungen. Besonders bemerkenswert: Bei Kindern aus einkommensschwachen Familien war der positive Effekt am größten – Naturerfahrung konnte die Folgen von Armut spürbar abmildern.

Fördert Stadtnatur Bewegung?

Viele alltägliche Bewegungsmöglichkeiten fehlen zunehmend:

  • Kinder werden mit dem Auto gefahren statt zu Fuß zu gehen.
  • Spielräume werden durch Urbanisierung eingeschränkt.
  • Bildschirmmedien fördern Bewegungsmangel.
  • Nur wenige Kinder erreichen gleichzeitig die empfohlenen Werte für Bewegung, Schlaf und Bildschirmzeit – mit negativen Folgen für die kognitive Entwicklung

Auch ältere Menschen bewegen sich häufig zu wenig und verbringen viel Zeit vor dem Fernseher.

Wer Zeit im Grünen verbringt, bewegt sich automatisch mehr.

Stadtgrün macht mobil:

  • Kinder leisten einen großen Teil ihrer körperlichen Aktivität im Grünen.
  • In stärker begrünten Wohngebieten sind Kinder seltener übergewichtig.
  • Übergewicht in der Jugend erhöht das Risiko für Typ-II-Diabetes deutlich – frühe Gewichtsnormalisierung senkt dieses Risiko wieder.
  • Naturaufenthalte fördern Bewegung bei Menschen jeden Alters – und damit die Gesundheit.

Bis zu ein Sechstel der von der WHO empfohlenen wöchentlichen Bewegung lässt sich allein durch den Zugang zu Parken erklären, wie eine internationale Studie mit über 6.100 Personen aus zwölf Städten in acht Ländern darlegte.


Wie wirkt Stadtnatur auf Stress, Herz und Kreislauf?

Naturerleben senkt nachweisbar die Konzentration des Stresshormons Cortisol.

Stress wird bedenklich, wenn er chronisch wird. Dann kann er unter anderem zu erhöhtem Blutzucker, Muskelschwäche, Bluthochdruck und Schädigungen von Nervenzellen führen. Auch Verdauung, Wachstum, Knochenbildung, Immunsystem und Fortpflanzung leiden. Chronischer Stress steht zudem mit einem erhöhten Risiko für Infektionen, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung.

Wie Stadtnatur hilft

Studien zeigen: Besonders bei chronisch erhöhtem Stress sinkt die Konzentration der Stresshormone durch das Erleben von Natur.

  • Schon die bloße Betrachtung von Naturbildern reduzierte in einem Experiment den durch einen Film über Arbeitsunfälle ausgelösten Stress deutlich und aktivierte das für Regeneration zuständige parasympathische Nervensystem.
  • Besonders wirksam: Landschaften mit Pflanzen, Wasser und Weitblick – sie vermitteln Sicherheit, Schutz und Regeneration und fördern dadurch Ruhe und Gelassenheit.

 

Dass sich diese Wirkung auch großflächig niederschlägt, zeigen zwei umfangreiche epidemiologische Studien aus den Niederlanden und den USA. 

Die niederländische Studie mit über 345.000 Patient*innen ergab:

  • 15 von 24 untersuchten Krankheitsbildern zeigten ein sinkendes Erkrankungsrisiko, wenn der Grünanteil im Wohnumfeld um 10 Prozent stieg.
  • Ein Prozent mehr Begrünung wirkt sich auf den Gesundheitszustand etwa so aus wie ein um ein Jahr jüngeres Alter. Besonders profitieren Kinder und Menschen aus einkommensschwachen Schichten.
  • Besonders deutlich war die Wirkung von Grün in der direkten Wohnumgebung bei Depressionen und Angststörungen: Im Vergleich zu einer stark begrünten Umgebung waren Depressionen bei nur wenig Grün 25 % wahrscheinlicher, Angststörungen sogar 30 % wahrscheinlicher. Das bedeutet, dass stark begrünte Wohnumgebungen die Wahrscheinlichkeit für Depressionen und Angststörungen entsprechend deutlich senken.

Die US-Studie mit knapp 250.000 älteren Menschen zeigte: In den am stärksten begrünten Wohngegenden gab es

  • 25 Prozent weniger akute Herzinfarkte, 
  • 20 Prozent weniger koronare Herzkrankheiten 
  • 16 Prozent weniger Herzinsuffizienz 
  • 6 Prozent weniger Kammerflimmern

als in den am wenigsten begrünten Gegenden.


Wie beeinflusst Stadtnatur Konzentration und Entwicklung von Kindern?

Kinder mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS/ADHS) profitieren besonders von Naturerleben. Eine US-Studie mit 96 Kindern zeigte: 

  • Die Aufmerksamkeit war nach einer Aktivität im Grünen deutlich besser als nach einer Aktivität in bebauter Umgebung oder drinnen. 
  • Selbst der bloße Blick aus dem Fenster ins Grüne verbessert die Aufmerksamkeit bereits messbar.

Aufmerksamkeit umfasst dabei unter anderem Wachheit, Konzentrationsfähigkeit und Selbstkontrolle bzw. exekutive Funktionen, also die Fähigkeit, Verhalten bewusst zu steuern und zielgerichtet zu handeln.

Diese Wirkung setzt sich in konkreten Wohnsituationen fort. Eine Studie mit rund 2.900 Kindern in schottischen Städten zeigte:

  • Ein privater Garten wirkt sich sozial, emotional und im Verhalten positiv aus.
  • Öffentliche Grünanlagen stärken vor allem den sozialen Aspekt. 

Besonders aufschlussreich ist ein Experiment mit 169 einkommensschwachen Familien, die per Zufallsprinzip in unterschiedlich begrünte Sozialwohnungen einzogen: Bei Mädchen erklärte allein der Blick aus dem Fenster ins Grüne 20 Prozent der Unterschiede in der Selbstkontrollfähigkeit. 

Naturerleben kann damit als schützender Faktor gelten, der gerade bei Kindern und Jugendlichen einen wichtigen Beitrag zu Aufmerksamkeit, Gesundheit und Persönlichkeitsentwicklung leistet.


Macht Natur glücklicher und kreativer?

Naturerleben kann das Denkvermögen und die Kreativität verbessern. Besonders die sogenannten exekutiven Funktionen – also zielgerichtetes Handeln, Widerstand gegen Versuchungen und flexibles Verhalten – werden durch Naturerleben gefördert. 

Menschen fühlen sich in begrünter Natur im Durchschnitt glücklicher als in bebauten städtischen Umgebungen. Das ergab eine britische Studie mit über 20.000 Teilnehmer*innen und mehr als einer Million Messwerten. 

Ein 90-minütiger Spaziergang in der Natur reduziert nachweislich Angst und das für Depressionen typische Grübeln – ein vergleichbarer Spaziergang in der Stadt zeigte diesen Effekt nicht.

Auch die Kreativität profitiert: 

  • Nach einer viertägigen Wanderung in der Natur (ohne Technik) verbesserten sich die Ergebnisse in Kreativitätstests um bemerkenswerte 50 Prozent. 
  • Eine weitere Studie untersuchte, ob dieser Effekt auf das Laufen oder auf das Naturerlebnis zurückgeht. Verglichen wurden Laufen in der Natur, Laufen auf einem Laufband sowie das Durchqueren eines Waldes im Rollstuhl. Das Ergebnis: Sowohl körperliche Aktivität als auch Naturerleben hatten jeweils einen eigenen positiven Effekt auf die Kreativität.

50 %

bessere Ergebnisse in Kreativitätstests

Natur schafft damit nachweislich günstige Voraussetzungen für kreatives Denken. Die Wirkung kann auch nach der Rückkehr in Innenräume noch anhalten. Eine entspannte Grundstimmung und relative Freiheit von Angst unterstützen dabei die Entfaltung von Kreativität.

Effekt für ganze Städte

Eine große US-Studie zu 44 Städten fand einen klaren Zusammenhang zwischen der Größe städtischer Parkflächen und dem allgemeinen Wohlbefinden der Bevölkerung, besonders beim gesundheitlichen und gemeinschaftlichen Wohlbefinden. Stadtparke stärken zugleich den sozialen Zusammenhalt in der Nachbarschaft.


Profitieren alle Menschen gleichermaßen von Stadtnatur?

Ärmere Bevölkerungsgruppen profitieren überdurchschnittlich stark. Eine britische Studie mit über 40 Millionen Menschen zeigte: In der am wenigsten begrünten Umgebung war die Sterblichkeit der ärmsten Bevölkerungsgruppe fast doppelt so hoch wie die der reichsten. 

Ausgangsfrage: Naturerleben oder sozioökonomischer Status als Faktor?

Eine große britische Studie ging einer entscheidenden Frage nach: 

Geht der positive Gesundheitseffekt von Natur wirklich auf das Naturerleben selbst zurück – oder eigentlich nur auf den sozioökonomischen Status?Schließlich leben Menschen mit höherem Einkommen ohnehin häufiger in grüneren Wohngegenden und haben generell bessere Lebensbedingungen.

Die Forscher*innen betrachteten dabei die gesamte Bevölkerung in Großbritannien unterhalb des Rentenalters. Dabei wurden der sozioökonomische Status und der Zugang zu Grünflächen miteinander verglichen. Zusätzlich wurde erfasst, wie viele Menschen zwischen 2001 und 2005 starben, unter anderem an Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Das Ergebnis: Grün wirkt – zusätzlich zum Einkommen

  • Die Begrünung der Wohnumgebung spielte eine eigenständige, gewichtige Rolle – auch wenn Menschen mit höherem sozioökonomischem Status insgesamt ein geringeres Sterberisiko hatten.
  • Besonders deutlich wurde dies bei Menschen mit niedrigem Einkommen: In den am wenigsten begrünten Gebieten war ihre Sterblichkeit fast doppelt so hoch wie die der reichsten Bevölkerungsgruppe. In den grünsten Gebieten verringerte sich dieser Unterschied auf das 1,4-Fache.
  • Ein ähnliches Bild zeigte sich bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Der Unterschied zwischen armen und reichen Menschen war in wenig begrünten Gebieten besonders groß, während er in grünen Umgebungen deutlich geringer ausfiel. Die Studie deutet damit darauf hin, dass Stadtnatur gesundheitliche Ungleichheiten abmildern kann – und dass gerade Menschen mit geringerem Einkommen von grünen Wohnumgebungen profitieren.

Stadtnatur ist damit kein Luxus, sondern eine besonders wirksame und kostengünstige Maßnahme für mehr gesundheitliche Gerechtigkeit.


BN-Studie zu Stadtnatur und Gesundheit

Grundlage dieses Artikels ist die Publikation “Der positive Einfluss von Stadtnatur auf unsere Gesundheit” von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer (BUND Naturschutz in Bayern, 2019) - eine Übersicht über internationale wissenschaftliche Studien.

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