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Mittelwald Iphofen in höchster Gefahr

Bund Naturschutz startet Schwerpunktaktion zur
Rettung des Iphöfer Mittelwaldes auf Landesebene

07.11.2005

Im Stadtwald von Iphofen (Lkr. Kitzingen), einem wegen seiner vorbildlichen Bewirtschaftung auch international renommiertem Mittelwald, ist die Fortführung dieser seit dem Mittelalter ausgeübten Waldnutzungsform wegen drastischer Reduzierung der bisherigen staatlichen Förderung akut bedroht. Daraufhin hat der Stadtrat den Ausstieg aus der Mittelwaldnutzung beschlossen. Dieser Beschluss wurde von Bürgermeister Josef Mend auf der Rechtlerversammlung am 21.10.05 für ein Jahr ausgesetzt, damit eine einvernehmliche Lösung gefunden werden kann. Trotzdem ist einer der typischsten und am besten erhaltenen Mittelwälder Europas in höchster Gefahr, wenn es innerhalb eines Jahres nicht gelingt, staatliche Fördergelder zu sichern. Angesichts der großen ökologischen und kulturhistorischen Bedeutung der Mittelwaldwirtschaft startet der Bund Naturschutz deshalb auf Landesebene eine Schwerpunktaktion zur Rettung des Iphöfer Mittelwaldes. "Wir fordern die zuständigen Minister auf, umgehend ausreichende Fördermittel für die Mittelwaldbewirtschaftung bereit zu stellen. so Hubert Weiger, 1. Vorsitzender des Bundes Naturschutz.

Mittelwald Iphofen: Gefangen in den Fallen staatlicher Förderprogramme

Der 380 ha große Mittelwald der Stadt Iphofen wird seit vielen Jahren vorbildlich bewirtschaftet und hat aufgrund des großen Engagements der vielen, über 100 aktiven Rechtler eine gute Zukunftschance. Er gilt auch international als beispielgebendes Vorzeigeobjekt - sogar für Delegationen aus Japan. Aufgrund des mittelwaldtpyischen geringeren Holzertrages und des erhöhten Pflegeaufwandes hat die Stadt alljährlich ein erhebliches Defizit zu verkraften. Ab 1995 konnte dies durch eine projektbezogene Förderung aus Landschaftspflegemitteln des Naturparkes Steigerwals zwar nicht ganz ausgeglichen, aber doch auf ein für die Stadt Iphofen erträgliches Maß reduziert werden. Die Einführung des Vertragsnaturschutzprogrammes Wald hat 2004 dazu geführt, dass eine Mittelwaldförderung nur noch über dieses Programm möglich sein soll.

Dies hat jedoch fatale Konsequenz für den Iphöfer Mittelwald:
 Alle Mittelwaldflächen, für die in den vergangenen 10 Jahren bereits Fördergelder bewilligt wurden, fallen bis auf weiteres aus der staatlichen Förderung heraus, selbst dann, wenn diese Förderung nur einmal erfolgt ist.
 Nachdem die Stadt Iphofen in den zurückliegenden Jahren den Mittelwald intensiv gepflegt hat, könnten nur noch 30 - 50 ha gefördert werden und die Stadt soll nicht einmal 5% des bisherigen Zuschusses erhalten.

Für den BN ist dies umso weniger nachvollziehbar, als das Vertragsnaturschutzprogramm Wald eine solch rigide Umstellung der Förderpraxis keineswegs zwingend vorschreibt. Bei den Landschaftspflegemitteln stünde zudem für eine Mittelwaldförderung genügend Geld bereit, das bislang auch von anderer Seite nicht abgerufen wird.

Die Stadt Iphofen hat daraufhin im Spätsommer 2005 beschlossen, die Mittelwaldnutzung aufzugeben, diesen Beschluss erfreulicherweise für ein Jahr ausgesetzt - u. a. aufgrund einer Initiative der Rechtlergemeinschaft.

Wenn innerhalb dieses Jahres keine angemessene staatliche Förderung erreicht werden kann, würde dies das endgültige Aus nicht nur für den Mittelwald von Iphofen, sondern auch für mindestens acht andere Mittelwälder in Unterfranken bedeuten. Sie alle sind Opfer dieser neuen Förderregelung und befinden sich in ähnlich prekärer finanzieller Situation. Damit ist aber das Überleben der Mittelwaldnutzung in seinem europäischen Kerngebiet aufs höchste Gefährdet. Das Ziel des Vertragsnaturschutzprogrammes Wald, nämlich den Naturschutz im Wald zu fördern und den Waldbesitzern dafür einen gerechten Ausgleich zu bieten, würde genau ins Gegenteil verkehrt.


Initiativen und Forderungen des Bundes Naturschutz

Die kulturhistorisch wie ökologisch einmalige Mittelwaldnutzung darf nicht das Opfer kleinlicher staatlicher Förderpraxis werden und auch nicht einer blinden Sparwut auf Portokassenniveau geopfert werden. Dies umso mehr, als nicht einmal zusätzliche Geldmittel bereit gestellt werden müssten und im Bereich der Landwirtschaft pro Hektar um ein Vielfaches höhere Fördergelder gezahlt werden.

Der BN hält es für mehr als gerechtfertigt, der Stadt Iphofen ebenso wie auch den anderen Eigentümern von Mittelwaldflächen auch weiterhin einen angemessenen Ausgleich für ihre Aufwendungen und den Minderertrag zu zahlen und damit auch die oft mühevolle Nutzung durch die Rechtler zu honorieren. Von ihrem Engagement profitieren schließlich wir alle.

Zudem würde eine museale Form der Mittelwaldbewirtschaftung ungleich größere Finanzaufwendungen erfordern, während hier eine befriedigende Lösung durch "Schutz durch Nutzung" erreicht werden kann. Durch eine Kombination von Förderprogrammen wäre dies ohne weiteres möglich.

Der BN wird sich deshalb auf allen Ebenen für die weitere Förderung und Erhaltung der Mittelwaldbewirtschaftung einsetzen und startet dafür eine landesweite Schwerpunktaktion.

Die staatlich verschuldete Aufgabe der Mittelwaldnutzung würde das Vertragsnaturschutzprogramm Wald ad absurdum führen und wäre für Bayern eine Kulturschande ersten Ranges. Dazu darf es nicht kommen!


Anlage:

Mittelwald - was ist das?

Die Mittelwaldnutzung ist eine traditionelle Form der (Laub-) Waldbewirtschaftung, in der sich Elemente der Niederwald- und der heute üblichen Hochwaldnutzung vereinen. Während beim heute fast völlig verschwundenen Niederwald der gesamte Gehölzaufwuchs in gleich bleibenden, kurzen Abständen (10 - 40 Jahre) kahlgeschlagen, d.h. auf den Stock gesetzt wird, werden im Hochwald vorrangig alte Bäume einzelstammweise eingeschlagen.

Beim Mittelwald erfolgt beides:
Hier wird die Gesamtwaldfläche entsprechend der Umtriebszeit des Unterholzes (z.B. 30 Jahre) in gleichgroße Jahresnutzungsflächen (hier 30) eingeteilt.

 in relativ kurzen, gleichbleibenden Abständen (z.B. alle 20 - 30 Jahre) wird jedes Jahr auf jeweils einer Jahresnutzungsfläche zwischen den großen Bäumen (= Überhälter) nahezu das gesamte Unterholz eingeschlagen, d.h. auf den Stock gesetzt. Nur die besten Jungbäume (= Hegreiser oder Laßreitel) bleiben stehen, um damit die Nachzucht des starken Stammholzes sicher zu stellen.
 Im Oberholz können somit 30, 60, 90 und 120 Jahre alte Bäume nebeneinander auf gleicher Fläche stehen. Sie werden nur im Bedarfsfall einzelstammweise entnommen.

Zwischen den Stockhieben erfolgen Pflegeeingriffe, bei denen z.B. wertvolle Kernwüchse (= Jungbäume für das Oberholz) freigestellt werden.

Mittelwald: einmalige kulturhistorische Rarität

Die Mittelwaldwirtschaft gilt neben der Niederwaldwirtschaft als erste planmäßige und genau geregelte Form der Waldnutzung und Holzgewinnung. Erste urkundliche Belege stammen aus dem Jahr 1219 (Wald bei Speyer), 1519 wurde die Mittelwaldnutzung im Gramschatzer Wald eingeführt und 1574 von Julius Echter in der ersten Forstordnung festgeschrieben.

Sie verbreitete sich im 14. und 15. Jahrhundert in allen mitteleuropäischen Laubwaldgebieten, erlebte ihre Blütezeit im 17. und 18. Jahrhundert und wurde sogar 1889 in Unterfranken noch auf fast 20% der Gesamtwaldfläche praktiziert.

Hauptgründe für die große Verbreitung und hohe Wertschätzung des Mittelwaldes waren:
 Befriedigung aller Holzbedürfnisse aus dem gleichen Wald:
- regelmäßige Brennholz- und Reisiggewinnung (Stockausschlag)
- gesicherter Vorrat an Bau- und Nutzholz (starke Stämme - Oberholz)
 Brennholzgewinnung mit geringem technischem Aufwand
 Ermöglichung der Waldweide (und (Eichel-)Mast für Hausschweine und Wildtiere (Jagdinteresse)
 Nutzungsmöglichkeiten für Grundeigentümer (z.B. Adel, Städte) und Untertanen (= Nutzungsberechtigter/Rechtler) auf gleicher Fläche
 Verhinderung der Übernutzung ortsnaher Wälder
 regelmäßige Grundrente (= Holzertrag bzw. Erlös aus Holzverkauf).

Die Mittelwaldwirtschaft war damit auch die erste tatsächlich nachhaltige Form der Waldnutzung. Sie ist zudem die einzige historische Form der Waldbewirtschaftung, die sich in ungebrochener und lebendiger Form seit dem frühen Mittelalter bis heute erhalten hat und in Unterfranken sowie in Westmittelfranken immer noch praktiziert wird. Alle anderen traditionellen Formen der Landnutzung (z.B. Dreifelderwirtschaft) gibt es nur noch in musealer Form - z.B. in Freilandmuseen (Ausnahme: Streuobstanbau).

Nur über die Mittelwaldnutzung sind bis heute auch historische Längen- und Flächenmaße (z.B. "Gert" = 3,65 m bzw. Quadratruten 13,3 m2 im Stadtwald Iphofen), alte Bezeichnungen für Holzrechte ("Holzlaube") und prägende gesellschaftliche Ereignisse (z.B. Holzkirchweih in Gnodtstadt und Willanzheim) erhalten geblieben.

Die Mittelwaldnutzung ist somit ebenso wie unsere Burgen, die historischen Stadtkerne oder viele Urkunden Teil unseres kulturellen Erbes.

Mittelwald: Arche Noah vor der Haustüre

Um einen guten Aufwuchs der Stockausschläge und damit einen verwertbaren Brennholzertrag zu gewährleisten, stehen die Eichen-Überhälter im Mittelwald wesentlich weiter auseinander als in einem geschlossenen Hochwald. Durch den alljährlichen Stockhieb auf Teilflächen (z.B. Stadtwald Iphofen: 12 - 15 ha). werden zudem große Licht- und Wärmeinseln geschaffen, die v. a. in den ersten Jahren von licht- und wärmeliebenden Tier- und Pflanzenarten (v. a. Schmetterlinge und Frühjahrsblüher) besiedelt werden.

Mittelwälder stellen damit ein Mosaik verschiedener Pflanzengesellschaften dar - aus waldtypischen, aber auch aus solchen des Waldmantels, der Waldsäume, zeitweise finden sich dort sogar Halbtrockenrasen.

Der relativ große Abstand der Eichenüberhälter, das enge Nebeneinander unterschiedlich alter Bäume, v. a. aber der im regelmäßigen Turnus wechselnde Stockhieb führt zu einem hohen Strukturreichtum und damit zu einer großen Lebensraumvielfalt auf relativ kleinem Raum. Dabei spielt der Alt- und Totholzreichtum der tiefbeasteten Mittelwaldeichen mit ihren besonders großen Kronen eine wichtige Rolle.
In Mittelwäldern finden deshalb auch solche Tier- und Pflanzenarten ideale Lebensbedingungen, die auf Alt- und Totholz spezialisiert oder normalerweise auf Kahlschlagflächen, Streuwiesen, am Waldsaum oder im Gebüsch leben. Sie beherbergen deshalb nicht nur typische Waldbewohner (z.B. Eulen, Hohltauben, Spechte), sondern dienen auch als Arche Noah für Arten der offenen Kulturlandschaft (z.B. Wendehals, Schmetterlinge), die dort wegen der zunehmenden Nutzungsintensivierung (u. a. Verlust an Lebensraumstrukturen) kaum noch Überlebenschancen haben. Alleine im Mittelwald Iphofen sind 300 Pflanzenarten, mehr als 60 verschiedene Schmetterlinge und rund 50 Vogelarten beobachtet worden.
Für den Naturschutz besonders bedeutsam ist der Mittelwald als Refugium für gefährdete und bedrohte Arten - z.B. Hirschkäfer, Mittelspecht, Wendehals, Hohltaube, Halsbandschnäpper, Großer Eisvogel (Schmetterlingsart!-).