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Waldsterben 1.0 – eine Chronologie

In den 1980er-Jahren war das flächenhafte Absterben unserer Wälder schon einmal ein großes Thema. Es waren vor allem Luftschadstoffe, die den Bäumen während des Waldsterbens 1.0 zu schaffen machten. Der BUND Naturschutz trug damals maßgeblich dazu bei, die massive Krise zu bewältigen.
Luftschadstoffe sorgen für Waldsterben 1.0
In den 1970er- und 1980er Jahren kommt es aufgrund von Luftschadstoffen zu “saurem Regen”, in dessen Folge der Wald flächig abstirbt. Besonders dramatisch ist die Situation im Fichtel- und im Erzgebirge. Bei einer Pressefahrt prägen Peter Schütt, Forstbotanikprofessor der LMU und Hubert Weiger vom BN den Begriff „Waldsterben“.
Widerstand auf breiter Front
Auch aufgrund massiver Öffentlichkeitsarbeit durch den BN formiert sich eine breite Umweltbewegung. In Bayern gründet sich 1982 die bayerische Aktionsgemeinschaft „Kampf gegen das Waldsterben“. Es gelingt, eine breite öffentliche Debatte in Süddeutschland anzustoßen.1983 realisiert der BN gemeinsam mit der Aktionsgemeinschaft die erste Großdemonstration gegen das Waldsterben in Nürnberg. 1984 folgt eine weitere in München.
Erfolg der Umweltbewegung
Mit der Zeit gewinnen die bayerischen Aktivisten auch bundesweit engagierte Unterstützer*innen und das Waldsterben wird zum wichtigsten Umweltthema in ganz Deutschland. Das breite Bündnis für den Wald erzwingt schließlich Rauchgasentschwefelungsanlagen für Kraftwerke. Ab dem 1. Juli 1983 dürfen nur noch Anlagen ans Netz gehen, die über eine Rauchgasentschwefelungsanlage verfügen. Von den bestehenden Kraftwerken werden 90 Prozent nachgerüstet und zehn Prozent stillgelegt. Die Folge ist ein Rückgang der Schwefeldioxid-Emissionen um bis zu 90 Prozent.
Das Ende des Waldsterbens 1.0
In der Folge kommt es noch zu weiteren Beschlüssen, die den Wäldern zugute kommen: die Einführung des bleifreien Benzins (1984), des Katalysators für Kraftfahrzeuge (1989) sowie der Entschwefelung von schwerem und leichtem Heizöl. Der Wald erholt sich schließlich schneller als gedacht und die prophezeiten negativen wirtschaftlichen Folgen der Rauchgasentschwefelung bleiben aus. Dem großen Einsatz der Umweltbewegung ist es zu verdanken, dass der Wald das Waldsterben 1.0 gut überstanden hat.
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- document.getElementById('c237728').scrollIntoView({ behavior: 'smooth' }), 10);">3 Waldsterben wird Umweltthema Nummer eins
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- document.getElementById('c237730').scrollIntoView({ behavior: 'smooth' }), 10);">5 Die ökonomische Seite des Waldsterbens 1.0
- document.getElementById('c237732').scrollIntoView({ behavior: 'smooth' }), 10);">6 Erfolg gegen alle Widerstände
"Saurer Regen" verursacht das Waldsterben 1.0
In den 1970er- und 1980er-Jahren sorgen Luftschadstoffe für ein flächiges Absterben von Wäldern. Vor allem sind es der Bayreuther Stadtförster Gotthard Eitler und sein sächsischer Kollege Ludwig Hahn, die auf die dramatische Situation in den Wäldern des Fichtel- und Erzgebirges aufmerksam machen.
Bald steht fest, dass der „saure Regen“ – eine Folge der Luftschadstoffe aus der Kohle- und Ölverbrennung – die Ursache für das flächige Absterben der Wälder ist. Erstes Opfer dieses Giftcocktails ist in Bayern die Weißtanne. Ende der 1970er-Jahre werden die Waldschäden dann unübersehbar: Sie greifen auf alle Hauptbaumarten über.
Der Begriff "Waldsterben" wird geprägt
1981 organisiert Hubert Weiger gemeinsam mit der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) die bundesweit erste Pressefahrt zum Thema. Für den Forstwissenschaftler, damals Beauftragter des BUND Naturschutz (BN) für Nordbayern, ist klar: Es geht ums Ganze. Ziel der Pressefahrt ist einer der Brennpunkte des Siechtums im Oberpfälzer Wald, das Forstamt Vohenstrauß.
Bei dieser Pressefahrt prägen Peter Schütt, Forstbotanikprofessor der LMU und Hubert Weiger den Begriff „Waldsterben“. Auch die wesentlichen Forderungen an die Politik werden bereits benannt: eine Zustandserfassung in den bayerischen Wäldern, Ursachenforschung, Reduzierung des Schwefeldioxidausstoßes sowie Förderprogramme für den Waldumbau.
Der Widerstand gegen das Waldsterben formiert sich: Die vom BN in den folgenden Monaten initiierte intensive Öffentlichkeitsarbeit führt 1982 zur Gründung der bayerischen Aktionsgemeinschaft „Kampf gegen das Waldsterben“ unter der Geschäftsführung von Hubert Weiger. Ihr Sprecher wird Richard Plochmann, Professor für Forstpolitik an der LMU. Der Aktionsgemeinschaft gehören unter anderem Förster*innen, Waldbesitzer*innen und Gewerkschaften an.
Die Öffentlichkeitsarbeit läuft auf Hochtouren: Zusammen mit Peter Schütt und Bernd Ulrich von der Universität Göttingen informiert Hubert Weiger unermüdlich weiter über die Ursachen und Gefahren des Waldsterbens. Zwei bis drei Exkursionen und Pressefahrten organisiert er pro Monat und konfrontiert Politiker*innen, Journalist*innen, Förster*innen und interessierte Bürger*innen mit den stark geschädigten oder schon abgestorbenen Wäldern im Erz- und Riesengebirge. Während der BN hauptsächlich die schädlichen Auswirkungen der Luftschadstoffe auf die Waldbäume thematisiert, fokussiert Ulrich auf die Folgen der Säureeinträge für die Waldböden.
Es gelingt, eine breite öffentliche Debatte in Süddeutschland anzustoßen. 1983 organisiert der BN zusammen mit der Aktionsgemeinschaft die erste Großdemonstration gegen das Waldsterben in Nürnberg. 1984 eine weitere in München.
Waldsterben wird Umweltthema Nummer eins

Das Waldsterben wird zum Umweltthema Nummer eins in ganz Deutschland: Mit der Zeit gewinnen die bayerischen Aktivisten auch bundesweit engagierte Unterstützer*innen wie den BUND-Mann und Förster Karl-Friedrich Weber, der den Widerstand gegen das Braunkohlekraftwerk im niedersächsischen Buschhaus organisiert. Bei einer Unterschriftenaktion sammelt der BUND 1983 über 190.000 Unterschriften.
1983 tritt die Großfeuerungsanlagenverordnung (GFAVO) in Kraft. Der Druck der Öffentlichkeit auf Politik und Unternehmen hat gewirkt. Ab dem 1. Juli 1983 werden Neuanlagen nur noch mit Rauchgasentschwefelung genehmigt. Von den bestehenden Kraftwerken werden 90 Prozent nachgerüstet, zehn Prozent stillgelegt. Damit verringern sich die Schwefeldioxid-Emissionen um bis zu 90 Prozent.
Deutliche Verbesserungen bei der Luftreinhaltung erreicht
Es folgen weitere Beschlüsse, die der Luftreinhaltung dienen und die Wälder entlasten: die Einführung des bleifreien Benzins (1984), des Katalysators für Kraftfahrzeuge (1989) sowie der Entschwefelung von schwerem und leichtem Heizöl. Durch die europäische Harmonisierung sind diese nationalen Gesetze heute Basis der europäischen Umweltpolitik.
Die Wälder beginnen sich wieder zu stabilisieren und die Gefahr eines großflächigen Waldsterbens ist gebannt. Es ist einer der größten Erfolge der deutschen Umweltbewegung, dass die Debatte um das Waldsterben deutliche Verbesserungen bei der Luftreinhaltung erzwang. Und nicht nur das: Die verbesserte Luftreinhaltung wirkte sich auch gesundheitlich und ökonomisch aus. So gingen die Atemwegserkrankungen zurück, hauptsächlich bei Kindern. Außerdem nahmen die Schäden durch Luftschadstoffe an Bauwerken, Denkmälern, Brücken und Stahlbaukonstruktionen ab. Anfang der 1980er-Jahre waren diese vom Umweltbundesamt auf jährlich drei Milliarden Deutsche Mark beziffert worden.
Die ökonomische Seite des Waldsterbens 1.0
Länger als zehn Jahre hatte sich die Wirtschaftslobby vehement gegen eine Rauchgasentschwefelung gewehrt und Schreckensszenarien sondergleichen an die Wand gemalt: Der Strom würde durch eine solche Regelung derart teuer, dass es zu einer Deindustrialisierung Deutschlands kommen werde. Unzählige Firmen müssten ihre Produktion ins Ausland verlegen. Massenarbeitslosigkeit und Elend wie in den 1920er-Jahren wären die Folge. Und bereitwillig kooperierte die Kapitalseite mit der Gewerkschaft, die „vor unabsehbaren Gefahren für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung" warnte (IG Chemie).
Auch Teile der Wissenschaft ließen sich in diese Zweckpropaganda einbinden. Wirtschaftsforschungsinstitute warnten vor dem Verlust von Arbeitsplätzen und der Konkurrenzfähigkeit Deutschlands. Sogar einzelne Forstwissenschaftler*innen sahen die Ursachen des Waldsterbens als „noch nicht eindeutig geklärt“ an und hielten deshalb schnelles Handeln für falsch.
Rauchgasentschwefelung
Die tatsächlichen Kosten lagen nur bei einem Pfennig pro Kilowattstunde
Wirtschaftswachstum
Die prophezeite Flaute blieb aus. Die Wirtschaft wuchs um 2,7 Prozent.
Unternehmen
Weder verlagerten die Unternehmen ihren Standort noch bauten sie Arbeitsplätze ab.
Doch die prophezeiten negativen Folgen blieben aus: Die tatsächlichen Kosten der Rauchgasentschwefelung beliefen sich auf nicht mehr als einen Pfennig pro Kilowattstunde. Außerdem gab es weder Arbeitsplatzverluste noch verlagerten Betriebe ihre Produktion ins Ausland. Im Gegenteil: Die deutsche Wirtschaft wuchs in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre, also mit dem Inkrafttreten der GFA-Verordnung, um durchschnittlich 2,7 Prozent und damit um 1,7 Prozent mehr als in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre. Das heißt, die konjunkturelle Entwicklung verlief völlig unabhängig von dieser staatlichen Maßnahme. Von einem „Vernichtungsgesetz für Arbeitsplätze“, wie von der Kraftwerkslobby beklagt, konnte jedenfalls keine Rede sein.
Erfolg gegen alle Widerstände
Der Wald zeigt an, was in der Umwelt im Argen liegt: In den 1980er-Jahren hat er saure Böden und zu hohe Schwefelkonzentrationen in der Luft angezeigt. Heute machen sterbende Kiefern- und Fichtenwälder (Waldsterben 2.0) sowie kranke Laubwälder klar, dass die Politik die Klimakrise wirkungsvoll eindämmen muss, damit die nächste Waldgeneration aus Eichen, Buchen und Tannen überleben kann.
Dem vehementen Einsatz der Umweltbewegung ist es zu verdanken, dass der Wald das Waldsterben 1.0 gut überstanden hat. Im Rückblick wird der Kampf gegen das Waldsterben gerne als „umweltpolitische Hysterie“ dargestellt. Frei nach dem Motto: „Was hatten diese Panikmacher nicht alles prophezeit – dabei steht der Wald heute noch!" Da auch von den Leugner*innen der Klimakrise häufig so argumentiert wird, ist es wichtig, die Kausalität aufzuzeigen: Eben weil damals umweltpolitisch gehandelt und die Rauchgasentschwefelung gegen alle Widerstände durchgesetzt wurde, steht der Wald heute noch!



