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Grünes Wunder im Ballungsraum

Eines der größten Waldgebiete Bayerns liegt direkt im Speckgürtel von Nürnberg: der Reichswald. Seit langem widersetzt er sich dem  Flächenhunger der Großstadt. Baulöwen und Verkehrsplaner beißen sich immer wieder an ihm die Zähne aus und erleben dabei – ein grünes Wunder.

Wie ein grüner Halbkreis umschließt der Reichswald im Osten den Ballungsraum Erlangen-Nürnberg-Fürth. Der rund 36.000 Hektar große Kulturwald ist grüne Lunge, Naherholungsgebiet, Klimaregulator, europäisches Vogelschutzgebiet und Biotop für seltene Tiere und Pflanzen. Dass es ihn heute noch gibt, grenzt an ein Wunder – denn bereits im Mittelalter machten ihm Übernutzung und Ausplünderung zu schaffen. Mit Nadelhölzern monokulturell wieder aufgeforstet, setzten ihm in den folgenden Jahrhunderten Schädlinge und der wachsende Flächenhunger des Ballungsraums zu. Allein zwischen 1950 und 1980 gingen 3.000 Hektar verloren.

Die Wende kam 1979: Der Bund Naturschutz und viele Mitstreiter erreichten, dass große Teile des Reichswalds als Bannwald ausgewiesen wurden. Seither muss jede Rodung durch eine Ersatzpflanzung ausgeglichen werden. Gleichzeitig bauen die Forstbehörden die ausgedehnten Kiefern-Monokulturen in einen ökologisch stabileren Mischwald um. Damit ist einiges erreicht und der Reichswald beweist: Wald und Großstadt können miteinander. Ein Selbstläufer ist das grüne Wunder aber immer noch nicht. Jahr für Jahr muss der Reichswald aufs Neue gegen zahlreiche Bauvorhaben verteidigt werden. Dass dies dem Bund Naturschutz und zahlreichen Mitstreitern oft gelingt, wird jedes Jahr mit dem großen BN-Reichswaldfest gefeiert.


Gefahr erkannt – Gefahr gebannt

Jahrhundertelang  lieferte der Reichswald Holz für die wachsende Metropole Nürnberg und musste Jahr für Jahr Flächen für neue Bauvorhaben opfern. Heute ist der Kahlschlag zwar noch nicht vollständig gestoppt, doch große Teile des Reichswalds sind aufgrund der Initiative des Bund Naturschutz als Bannwald geschützt. 

Ohne den Reichswald wäre Nürnberg im Mittelalter der Aufstieg zu einer florierenden Metropole nicht gelungen. Das Waldgebiet diente als riesiges Rohstoffreservoir, mit seinem Holz wurden Häuser gebaut und Herdstellen befeuert, das Vieh weidete zwischen den Bäumen, Nadeln und Laub dienten als Einstreu für die Ställe. Doch unerschöpflich war die Rohstoffquelle eben nicht. Bereits im 14. Jahrhundert zeigte der Wald deutliche Spuren von Übernutzung. Weite Flächen waren gerodet, die Böden ausgelaugt, der Mischwald aus Buchen, Eichen, Birken und Kiefern hatte keine Chance auf natürliche Verjüngung. 

Die Erfindung der Forstwirtschaft

Der Nürnberger Patrizier und Montanunternehmer Peter Stromer rettete den Reichswald – wenn auch aus purem Eigennutz. Er brauchte Holz für sein Gewerbe und wollte nicht tatenlos zusehen, wie sein Lieferant immer weiter schrumpfte. Nach zahlreichen Versuchen zur Saatgutgewinnung und Aufforstung ließ er ab 1368 Kiefern aussähen. Damit erfand Stromer die moderne Forstwirtschaft und legte gleichzeitig den Grundstein für die Monokulturen, die bis heute das Bild des Reichswalds prägen. An vielen Ecken und Enden konnte sich der Reichswald zunächst erholen, aber im 19. Jahrhundert setzten der Monokultur vermehrt Schädlinge zu. 1894 fiel rund ein Drittel aller Bäume den Raupen des Kiefernspanners zum Opfer. Gleichzeitig mussten im 19. und 20. Jahrhundert weite Waldflächen dem wachsenden Ballungsraum weichen. Zu Beginn der 70er-Jahre wurden jährlich etwa 300 Hektar — das entspricht 420 Fußballfeldern — für Straßen, Gewerbegebiete und Wohnhäuser gerodet.

Rettung mit Programm

In dieser Zeit wuchs aber auch der Widerstand: Viele Nürnberger und vor allem die Waldschützer vom Bund Naturschutz wollten ihren Reichswald nicht aufgeben: Einer von ihnen war der frisch examinierte Forstwirt Hubert Weiger. Kaum dem Zivildienst beim Bund Naturschutz entwachsen, setzte er sich für das Reichswald-Programm ein. Kernforderungen des 1972 vom Bund Naturschutz veröffentlichten Waldrettungsplans waren strengster Schutz und ein naturnahe Waldwirtschaft. Im Jahr darauf lud der Bund Naturschutz mit anderen Initiativen zum ersten Reichswaldfest am Schmausenbuck. Mit der Feier wollte man damals wie heute auf das Schicksal des Reichswalds aufmerksam machen, gegen Abholzungen protestieren und Naturschutz-Erfolge feiern.

Trotzdem dauerte es noch bis Ende der 70er-Jahre, bis das erste große Ziel erreicht war: 1979 wurde der Reichswald als erster Bannwald Bayerns ausgewiesen. So martialisch Bannwald klingt, so begrenzt ist übrigens der Schutzstatus. Im Vordergrund stehen nicht Arten- und Biotopschutz sondern die ökologische Ausgleichsfunktion im Ballungsraum. Wer Bannwald rodet, muss  flächengleich an anderer Stelle aufforsten. Dennoch ging seither der Aderlass im Reichswald zurück und Tausende von Hektar konnten gerettet werden. Darüber hinaus hatte das Werben für eine naturnahe Waldwirtschaft Erfolg. Die Forstverwaltungen schafften im Reichswald den Kahlschlag ab, säten Laubhölzer und begannen so den Umbau in einen standortgerechten und ökologisch stabileren Mischwald.

Neue Bedrohungen

Auch heute noch muss der Reichswald Jahr für Jahr gegen zahleiche Bauvorhaben verteidigt werden. Verhindert werden konnte beispielsweise ein Autobahnkreuz am Tiergarten, ebenso wie das Großkraftwerk Franken III bei Erlangen oder die Ostspange zum Flughafen Nürnberg. Doch der Naturschutz musste auch so manche Niederlage verbuchen: Zwischen 2005 und 2011 wurden zahlreiche Bauprojekte durchgesetzt und rund 22 Hektar Bannwald gerodet  –  viele weitere Vorhaben sind in Planung. Für die Waldschützer heißt es daher wachsam bleiben: Wo droht das nächste Bauprojekt? Lässt es sich abwenden oder lassen sich die Folgen mildern? Ein Großteil der Bevölkerung steht dabei auf Seiten des Naturschutzes. Das belegen Umfragen in Lokalzeitungen und die häufigen Unterschriftenaktionen.

Gegen die von der Staatsregierung  geplante und von Finanzminister Markus Söder massiv geforderte Nordspange der Autobahn A 3 zum Nürnberger Flughafen, die rund 40 Hektar Wald verschlingen würde, unterschrieben in kurzer Zeit 14.000 Bürger. Auch hier muss sich der Bund Naturschutz mit seinen Aktiven in den Orts- und Kreisgruppen wieder mit viel Engagement schützend vor den Nürnberger Reichwald stellen.


Zurück in die Vielfalt

Jahrhundertelange Übernutzung und monokulturelle Wiederaufforstung haben im Reichswald deutliche Spuren hinterlassen. Und dennoch: Wer genau hinschaut, entdeckt im ältesten Kunstforst der Welt ein Mosaik unterschiedlicher Waldlebensräume.

Die Pegnitz teilt den Wald in den südlichen Lorenzer Reichswald und den nördlichen Sebalder Reichswald. Das Gebiet, das sich im Süden bis zum Rothsee erstreckt, wird Südlicher Reichswald genannt. Alle drei Teile sind heute nahezu komplett als Bannwald geschützt und als Vogelschutzgebiet im Rahmen von Natura 2000 gemeldet, Teilflächen sind als Landschaftsschutzgebiet und Naturschutzgebiet ausgewiesen.

Für den Ballungsraum Nürnberg-Erlangen-Fürth ist das riesige Areal von unschätzbarer Bedeutung: Es ist Klimaregulator, Garant für saubere Luft und Trinkwasser, Erholungsgebiet für mehr als eine Million Menschen und Heimat seltener Tier- und Pflanzenarten. Hier stößt man noch auf Haselhuhn,  Hohltaube, Sperlingskauz, Schwarzspecht und viele andere seltene Arten. 2011 wurde außerdem das verschwunden geglaubte Auerhuhn im Reichswald nachgewiesen, eine Art, die bundesweit auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten steht. 

Ein Mosaik an Lebensräumen

Mit rund zwei Dritteln des gesamten Baumbestandes dominiert heute die Kiefer das Areal. Ihren kahlen Stämmen verdankt der Reichswald seinen Spitznamen „Steckerlaswald“. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wird sich das Gesicht des Reichswalds allerdings ändern. Seit Ende der 70er-Jahre und seit der Ausweisung des Reichswalds als Bannwald versucht man den Nadelwald Stück für Stück in einen standortgerechten, ökologisch stabileren Mischwald umzubauen. In sumpfigen Tälern entstehen Erlenwälder, auf mäßig trockenen Böden Buchen- und Eichenmischwälder und in den trockenen Sanddünengebieten bleibt der Flechtenkiefernwald erhalten.

Wer genau hinschaut, der entdeckt im Reichswald aber auch schon heute ein Mosaik unterschiedlicher Lebensräume: Hier findet man Binnendünen, Sandmagerrasen und Heiden sowie ein Netz aus Bächen und Kleingewässern. Neben den vorherrschenden sandig-trockenen Standorten stößt man auf lehmig-frische Biotope oder sumpfige Auen.  Außer den Kieferwäldern gedeihen Hainsimsen-Eichen- und Buchenwälder oder Sumpfwälder mit Erle und Esche.

Streifzug durch die Biotope

An vielen Ecken haben sich einmalige Biotope entwickelt: Der Irrhain bei Kraftshof am Westrand des Sebalder Reichswalds wurde im 17. Jahrhundert als Park angelegt. Seine zum Teil mehr als 300 Jahre alten Eichen sind Lebensraum für seltene Tierarten, wie verschiedene Spechte oder den auch Eremit genannten Juchtenkäfer, der auf der Roten Liste als stark gefährdet eingestuft wird. Daneben findet man auch richtige Moore im Reichswald: Bei Heroldsberg windet sich die Simmelbsberger Gründlach als eine der Lebensadern durch den Wald. In ihren sumpfigen Auen gedeihen Sonnentau und Wasserschlauch, zwei vom Aussterben bedrohte fleischfressende Pflanzen. Auch Ringelnatter, Erdkröte, Bitterling und Wollgras fühlen sich dort wohl. 

Ganz anders sieht es wiederum im Erlenstegener Forst nordöstlich von Nürnberg aus. Die Sanddüne in einer Waldlichtung nördlich des Tierheims ist eine Hinterlassenschaft der letzten Eiszeit. Hier leben wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten wie Zauneidechse, Sand-Laufkäfer oder das seltene Silbergras. Die Keulenschrecke, ein kleiner Grashüpfer, veranstaltet hier gelegentlich ein Zirpkonzert – auch sie steht auf der Roten Liste.